Was würde passieren wenn wir wüssten wann wir sterben? Zugegeben, eine Menge Konjunktive auf einmal, allerdings hat genau diese hypothetische Fragestellung schon des Öfteren Einzug in das cineastische Terrain erhalten und würde bei einer Umfrage wahrscheinlich die unterschiedlichsten Antworten zutage fördern. Filmisch wird das Thema meist komödiantisch verarbeitet. Am Ende wird dann doch alles gut und Betroffene haben das Leben zu schätzen gelernt. Ende gut, alles gut.

von Cliff Brockerhoff

Dass es auch einen deutlich seriöseren Zugang gibt, beweist uns „She dies tomorrow“, in dem die junge Protagonistin Amy zweifelsfrei davon überzeugt ist, dass ihre Existenz am Folgetag ihr Ende findet. Doch nicht nur das. Da sie offen mit ihrer Vorahnung kokettiert, verfallen nach und nach immer mehr Menschen in einen Strudel aus Panik, Wehmut, Reue und blankem Entsetzen. Jeder geht anders mit der Situation um, doch am Ende scheint die Lage ausweglos, denn nichts ist so unvermeidbar wie der Tod selbst.

Es ist eine augenscheinlich schwermütige Ausgangslage, die den Film von Anfang an begleitet. Erlebt der Zuschauer im Normalfall die überstürzte Abarbeitung der „bucket-list“, den ganz großen Herzschmerz und eine tendenziell trottelige Interpretation des Themas, ist „She dies tomorrow“ nicht gewillt diesen Weg zu gehen und beschreitet ganz eigene Pfade. Viele davon führen durch diffuse Lichtspektakel, dialogarme Sequenzen und auffallend abgehackte Schnitte, deuten aber auch immer wieder auf mögliche Zusammenhänge hin, sodass die Neugier auf die Auflösung zweifelsfrei schnell geweckt wird.

Besonders interessant sind dabei die verschiedenen Charaktere, über dessen Vorgeschichte wir nur zu einem Mindestmaß in Kenntnis gesetzt werden. Dabei ist es weniger die emotionale Komponente, welche logischerweise durch den Mangel an Vorwissen nahezu unterbunden wird, die die Protagonisten in den Fokus rückt, sondern vielmehr ihr Umgang mit der Situation an sich. Durch eine erschwerte Nahbarkeit kann der Zuschauer lediglich erahnen wie sehr das Schicksal die einzelnen Figuren bereits getroffen hat, warum sich die Angst wie eine Krankheit überträgt und wie sehr der nahende Tod nun einer Erlösung, respektive einem Albtraum gleichkommt. Diese Herangehensweise lässt sich wunderbar auf das echte Leben projizieren und erinnert an ein Zitat von Robin Williams, der einst sagte: „Jeder, den Sie kennen, kämpft in einer Schlacht, von der Sie nichts wissen. Sei nett. Immer“.

Auch wenn das Werk zeitweise durch chronologische Sprünge und die bereits erwähnten, sehr bildlastig komponierten Szenen wie Stückwert wirkt, ist es doch diese Art von Erkenntnis, die permanent über der Szenerie schwebt. Vor dem Hintergrund, dass die Regisseurin des Films eigene Erfahrungen in die Entstehung einfließen lassen hat um persönlichen Angstzuständen ein visuelles Ventil zu gewähren, ist es umso bedauerlicher, dass es die Geschichte am Ende nicht schafft vollends zu überzeugen. Der Gedanke dahinter ist tiefgründig, soll der Ellenbogen-Gesellschaft den Spiegel vorhalten und für mentale Fragilität sensibilisieren, wirkt aber letztlich zu überladen und kann seine vorhandenen Stärken nicht gewinnbringend bündeln. Innerhalb der Story gibt es höchstwahrscheinlich die eine, allumfassende Erklärung – diese zu entdecken scheint aber unmöglich, und das könnte durchaus beabsichtigt sein.

Fazit

Regisseurin Amy Seimetz macht in „She dies tomorrow“ subjektive Ängste und Empfindungen greifbar, vermittelt dabei via farbenfroh abstrakter Bilderflut eine intensiv sphärische Melancholie, vergisst nur leider die losen Enden zumindest halbwegs befriedigend zu verknoten. So ensteht ein reizvoller aber nicht minder überambitionierter Rätselspaß, der auf Verfechter stringent aufgelöster Filmkunst mordsmäßig anstrengend und befremdlich wirken wird. Cineasten dürfen aber durchaus mit Vorfreude einen Blick riskieren. Ab dem 22. Juli im limitierten Mediabook erhältlich und schon jetzt als video-on-demand abrufbar!

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

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Bilder: ©Koch Films / NEON