Manche Junggesellenabschiede münden im Partyexzess in Vegas, andere laufen derart schief, dass die heraufbeschworene Lebenskrise fast die Hochzeit platzen lässt. In Netflix‘ neustem deutschen Genrebeitrag „Prey“ lässt es die Gruppe Männer hingegen erst einmal ruhig angehen und stapft nach der Kanutour durch den heimischen Herbstwald. Regisseur und Drehbuchautor Thomas Sieben, der 2019 den Thriller „Kidnapping Stella“ ebenfalls für Netflix realisierte, bleibt sich aber dem Genre treu und lässt den Junggesellenabschied zu einem Survival Horrorthriller werden, bei dem die entspannte Wanderung zu einer regelrechten Treibjagd wird. Der Film ist seit 10.9. auf Netflix zu sehen.

von Madeleine Eger

Roman (David Kross) und Lisa (Livia Matthes) heiraten bald. Gemeinsam mit seinem Bruder Albert (Hanno Koffler) und seinen Freunden Peter (Robert Finster), Stefan (Klaus Steinbacher) und Vincent (Yung Ngo) zieht es sie nach der Party noch raus in die Natur. Doch schon während der Wanderung zerreißt ein Schuss die friedliche Stille. Die Gruppe verschwendet aber dennoch keinen weiteren Gedanken daran, denn schließlich ist Jagdsaison. Erschöpft am Auto angekommen, fallen allerdings gleich die nächsten Schüsse. Als Vincent angeschossen wird und das Auto auch für die Flucht nicht mehr infrage kommt, ahnen die Männer, dass es sich hier nicht um einen Unfall handelt und sie tatsächlich zur Zielscheibe eines gnadenlosen Unbekannten werden. Ein Wettlauf um Leben und Tod beginnt.

„Prey“ zeigt sich zu Beginn so mystisch wie ambivalent. Auf eine glückliche Erinnerung von Roman und seiner Freundin folgt der trübe Herbstwald, durch den sich erdrückend dichte Nebelschwaden ziehen. Dass es sich hier dann aber um einen Junggesellenabschied handelt, ist zunächst nur schwer erkennbar. Genauso wenig auch warum ausgerechnet diese fünf sich dafür zusammen gefunden haben. Denn hinter dem Lächeln und den Späßen versteckt sich kaum eine ehrlich tiefe Freundschaft. Vielmehr offenbart sich nach und nach eine nahezu unharmonische Gruppendynamik, wo sich am Ende doch jeder selbst der nächste ist.

Auch das Roman und Albert Brüder sind lässt sich nur aus dem Dialog der beiden ablesen, kaum aber an dem seltsam distanzierten Verhalten zueinander. Dass die Konstellation der Männer im Grunde viel Spielraum hinsichtlich der Charakterzeichnung und damit auch für den Verlauf der Handlung gehabt hätte, lässt Regisseur Thomas Sieben jedoch traurigerweise weitestgehend außer Acht. Fast schemenhaft werden die Freunde um das Brüderpaar zu vernachlässigbarem Kanonenfutter und der große Konflikt zwischen Roman und Albert, der später zu einem Überraschungsmoment führen soll, funktioniert einfach überhaupt nicht, da man sich einfach schon sehr früh eins und eins selbst zusammen zählen kann.

Hier verraten nämlich die kurz eingestreuten Rückblenden aus Romans Leben einfach deutlich zu viel und wirken dann hinsichtlich der versuchten Spannungskurve geradezu wie ein Fremdkörper innerhalb der Erzählung. Die Sequenzen unterfüttern lediglich das vorangestellte Zitat „Unsere Geschichte ist eine Ansammlung von vergangenen Momenten“, ohne einen tatsächlichen Mehrwert zu bieten oder gar Interesse an einer der Auflösungen zu schüren. Denn wenn man dem Film schon ein bedeutungsschwangeres Zitat voranstellt, so sollte doch wenigstens eine Figur dabei sein, die das Interesse seines Publikums auf sich zieht und von der man gerne mehr wissen wollen würde. Und das ist im Fall von „Prey“ leider weder Roman noch sein aufgeblasener Bruder, sondern vielmehr der skrupellose Killer, der in dem Wald sein Unwesen treibt. Allerdings scheitert „Prey“ dann auch noch daran, Spannung um den Todesschützen aufzubauen.

Denn auch hier lässt das Drehbuch kaum Fragen offen, zeigt schon viel zu früh das Gesicht der dunklen Gestalt und bietet fortlaufend immer wieder Momente, die zu gewollt sowie zweckdienlich wirken und sich auch viel zu offensichtlich miteinander verknüpfen lassen. Warum nämlich die Gruppe in dem riesigen Waldgebiet immer wieder auf altarähnlich angerichtetes Spielzeug trifft, ist dann genauso wenig überraschend wie auch ein laufender Computer, der natürlich mit nur einem Klick des Rätsels Lösung preisgibt. Spätestens ab der Hälfte geht „Prey“ dadurch spürbar die Luft aus, verliert seine Spannungskurve zusehends in den Untiefen der Langeweile und kann sich auch bis zum Schluss nicht mehr aus den Fängen derer befreien.

Wo zwar noch versucht wird, mit einer zuweilen durchaus ansehnlichen Kameraarbeit Atmosphäre heraufzubeschwören, legt sich „Prey“ mit seinen blassen Charakteren, aber vor allem mit seinem zu durchsichtigen und wenig überraschenden Drehbuch selbst die größten Steine in den Weg. Ein paar Kameraflüge über den nebelverhangenen dichten Wald, der Einsamkeit und Hilflosigkeit suggerieren soll und einige Aufnahmen, die der Spur des Jägers auf Bodennähe folgen, um eine Bedrohung zu untermauern, wirken am Ende genauso verloren wie die Gruppe selbst. Für einen Thriller von nicht mal 90 Minuten passiert einerseits einfach zu wenig, andererseits wird das, was passiert, auch kaum zu einer wirklich nervenaufreibenden und lebensbedrohlichen Schnitzeljagd verarbeitet, sodass das letzte Drittel keine große Überraschung mehr bereit halten kann.

Fazit:

Starke Bilder und eine namhafte Besetzung können „Prey“ nicht vor einer großen Enttäuschung bewahren. Ein zu durchschaubares Drehbuch und zu schemenhafte Figuren nehmen der Geschichte den Überraschungseffekt und lassen gerade das letzte Drittel zur Geduldsprobe werden. Wenn man bis dahin nicht doch schon abgeschaltet hat. Schade.

Bewertung:

Bewertung: 3 von 10.

Bilder: (c) Netflix