Am Ende holt sich die Natur alles zurück! Ein Satz, der zu Zeiten von Überflutungen, Vulkanausbrüchen und globaler Erwärmung einen schmerzlichen Wahrheitsgehalt offenbart. Im cineastischen Terrain erhält die Thematik oftmals Einzug, ob nun in der Ausprägung von effektvollen Katastrophen- oder atmosphärischen Endzeitfilmen.

von Cliff Brockerhoff

Valdimar Johanssons „Lamb“ nähert sich allerdings über einen anderen Weg. Der isländische Regisseur nimmt das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ins Visier, lässt es in einer Mischung aus Absurdität und Bitterkeit aufeinanderprallen und präsentiert einen Film, der viele womöglich irritieren wird. Wer schon einige Erzeugnisse aus der Schmiede des amerikanischen Studios A24 kennt, weiß in etwa was ihn erwartet. „Midsommar“ oder „Hereditary“ lassen grüßen.

Erzählt wird diesmal die Geschichte von Maria und Ingvar, einem isländischen Paar, dessen Beziehung sich an einem Scheitelpunkt zu befinden scheint. Das Verhältnis zueinander ist tendenziell distanziert, von schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit belastet und insgesamt scheint der Alltagstrott auf der Farm frei von Heiterkeit. Das ändert sich schlagartig als Zuwachs das Licht der Welt erblickt. Die Tristesse weicht der Lebensfreude, doch nicht alle teilen die Begeisterung. Die Gründe dafür fußen aber nicht etwa auf Empfindungen wie Missgunst oder Neid, nein: es ist der Sprössling an sich, der mit seiner animalischen Erscheinung für Aufsehen sorgt. Allen Zweifeln zum Trotz entschließt sich die frischgebackene Familie für das Leben in der neugewonnenen Dreisamkeit.

Genau jenem Leben wohnt die Zuschauerschaft fortan bei. Vollkommen wertfrei entfaltet sich eine inhaltlich schwer beladene Handlung, die nicht an Obskurität spart und Sehgewohnheiten freudestrahlend vor den Kopf stößt. Mit seiner auf lediglich vier Personen begrenzten Handlung wirkt alles sehr intim und lebensnah, das gezeichnete Bild mitsamt des Kindes, was eher einer Fabel entsprungen zu sein scheint, bildet jedoch das Kontrastprogramm. Welche Intention sich hinter all dem verbirgt, ist lange Zeit unklar. Konkret entstehen im Laufe der Spielzeit mehrere Ebenen, auf denen „Lamb“ zu agieren versucht. Ist es ein zutiefst schwarzhumoriger Blick in Richtung Sodomie? Ein subversiver Kommentar auf Wissenschaft und Forschung? Oder versucht sich das Werk einfach nur an der Visualisierung nordischer Folklore? Alles scheint irgendwie im Bereich des Möglichen.

Was einerseits für Varianz und Reibungspunkte sorgt, erschwert auf der anderen Seite der Medaille allerdings natürlich auch den Zugang. Um mitzufühlen ist die Kuriosität zu aufdringlich, um kritische Gedanken anzuregen fehlt es an solidem Fundament. Gerade im Vergleich zu anderen Emporkömmlingen, die ebenso kryptisch daherkommen, lässt es die Story der isländischen Viehzüchter an Durchschlagskraft vermissen. Noomi Rapace als treusorgende Mutter und Hilmir Snaer Guonason in der Rolle des skeptischen aber doch fürsorglichen Vaters überzeugen zwar beide mit guten Leistungen, haben jedoch Mühe den Wahnsinn zu schultern. Der Großteil der Faszination geht aus der schier stoischen und an die Umgebung angepasste Erzählweise hervor, die Abkehr von der Norm erweist sich aber nicht als Allheilmittel, geschweige denn als Alleinunterhalter. Ein spannendes Gedankenspiel ist es dennoch geworden, für den großen Wurf mangelt es aber schlicht an Unterhaltungswert.

Fazit

Vor der typisch schroffen Kulisse Islands erzählt „Lamb“ ein Familiendrama wie es untypischer nicht sein könnte, bricht mit sämtlichen Naturgesetzen und rückt das elterliche Dasein in neues Licht. Stets von einer gewissen Melancholie durchzogen ist das Werk niemals lammfromm, durchweg skurril, auf seltsamste Weise schön aber hinten raus auch zu ereignisarm. Für die natürlichen Sehgewohnheiten viel zu absurd, aufgeschlossenes Publikum darf jedoch einen Blick in den Stall werfen. Ein Starttermin ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(67/100)

Bilder: (c) Slash Filmfestival / A24