Wenn sich das Zuhause gegen einen stellt: Mit diesem einfachen, aber mehrdeutigen Satz lässt sich der neue Film von Rick Ostermann, „Das Haus“, zusammenfassen, der letzte Woche beim Filmfest Hamburg gezeigt wurde und seit 8.10. in den deutschen Kinos zu sehen ist. Es ist ein minimalistischer Sci-Fi-Thriller geworden, der seinen Horror aus dem bezieht, das zwischen den Zeilen passiert, der große Vorbilder wie „2001“ gekonnt zitiert und auch höchst aktuelle Themen behandelt: All das macht den Film zu einer positiven Überraschung des deutschen Gegenwartskinos und zu einem echten Geheimtipp.

von Christian Klosz

Deutschland, 2029: Es beginnt damit, dass Journalist Johann Hellström (solide: Tobias Moretti) mit seiner Frau Lucia (Valery Tscheplanowa) in deren abgelegenes Wochenendhaus flüchtet, nachdem er nach politischen Interventionen von seinem Chef gekündigt wurde. Der Vorwurf der rechtspopulistischen Regierung: Hellström habe seine letzten Recherchen getürkt, Fakten erfunden, um die Machthaber schlecht aussehen zu lassen. Als Exilant in der eigenen Heimat bleibt nur mehr der Rückzug in das Smart Home am See, bis sich die Wogen glätten. Die werden aber schnell zur Welle, die viel mehr bedroht als nur die berufliche Existenz Hellströms, als ein Anschlag auf Polizisten verübt wird, der von der Regierung linken Widerstandskämpfern in die Schuhe geschoben wird, zu denen auch eine Klientin von Lucia, die Anwältin ist, gehört. Sie und ihr Kumpel suchen Zuflucht im Haus am See, was Hellström vorerst gar nicht gefällt, da er die beiden für schuldig hält und trotz geteilter Opposition zur Regierung Gewalt für keine Lösung hält. Mit der Zeit wird aber klar: Hier ist nicht alles, wie es auf den ersten Blick aussieht. Und es zeigt sich: Nicht nur die Heimat scheint sich gegen die Hellströms gewendet zu haben, sondern auch das Heim, das zunehmend eigene Entscheidungen trifft, die für dessen Bewohner schwer nachvollziehbar bis höchst gefährlich sind.

„Das Haus“ beherbergt vieles, das hochaktuell ist und zum Nachdenken anregt. Ganz zentral ist das symbolisch dargestellte Sujet einer Heim(at), die sich gegen die Bewohner richtet, im Kleinen (Haus) wie im Großen (Land). Allein daraus speist sich sehr subtiler Horror, der ob der Aktualität umso wirkungsvoller ist. So werden Themen wie politische Systemkrisen, rechtspopulistische Antworten darauf, aber auch Fragen nach modernen technischen Entwicklungen (Smart Home), die zum Bumerang werden können, abgehandelt. Auch könnte man die im Film dargestellte Einsamzeit, Zurückgezogenheit, das Abgeschottet-Sein vom Rest der Welt, das Zurückgworfen-Sein auf sich selbst als Echo auf die Corona-Pandemie lesen.

Kritisieren muss man aber die Auflösung, die etwas unbefriedigend wirkt: Lange Zeit ist unklar, wer denn nun „das Haus“ kontrolliert – die Regierung, die sich eingehackt hat? Oder ist es doch das Haus selbst, das ein Eigenleben entwickelt und sich als geschlossenes System gegen seine Besitzer wendet? Schließlich wird erklärt, das Haus führt nur aus, was dessen Bewohner (also Hellström und seine Frau) wollen, da es von ihnen „lernt“. Das ist etwa dann schlüssig, wenn die beiden eines Abends „ausgesperrt“ werden, wodurch sie sich in der Natur wieder näher kommen. Unlogisch erscheint da allerdings eine dramatische Wendung gegen Ende, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll, die aber mit der Erklärung Haus=Hellström wenig Sinn macht.

Fazit

Alles in allem ist „Das Haus“ aber trotz einiger dramaturgischer Schwächen gegen Ende ein kluger, beklemmender und hochaktueller Film, der Themen, die uns alle beschäftigen (sollten), auf sehenswerte und stilistisch ansprechende Weise aufbereitet: Einer der interessantesten deutschen Filme der letzten Jahre.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

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Bilder: (c) Andreas Schlieter