Gaspar Noé. Skandalregisseur, Publikumsspalter und Filmemacher der Extreme. Vom kontroversen Vergewaltigungsthriller „Irreversible“ über die psychedelische post mortem Grenzerfahrung „Enter the Void“, bis hin zum exzessiven Drogentrip „Climax“. Das diverse Portfolio des Argentiniers und Wahlfranzosen provoziert, schockiert und kitzelt kompromisslos an den Enden der eigenen Gefühlspalette. Abstoßung und Faszination liegen bei den visuell experimentierfreudigen Werken oft nur einen Augenaufschlag voneinander entfernt. Manchmal verborgen unter dominanten Neonlichtern, zieht sich die Entschlüsselung von menschlichen Urängsten, die Auseinandersetzung mit dem Tod, die Sucht nach dem Außergewöhnlichen und das Bedürfnis nach Liebe aber dennoch wie ein roter Faden durch die Arbeiten des Regisseurs. Auch der neue Film „Vortex“ bildet da keine Ausnahme. Das Drama, das die letzten Tage eines alten Ehepaares in der gemeinsamen Wohnung bebildert, feierte in Cannes Premiere und lief nun auch beim Filmfest Hamburg und ist mit Abstand das Persönlichste und Zugänglichste, was Noé bisher auf die Leinwand brachte.

von Madeleine Eger

Er (der Meister des Horrors Dario Argento), Filmjournalist und schwer herzkrank. Sie (Françoise Lebrun), ehemalige Ärztin, leidet von Tag zu Tag mehr an Alzheimer. Das Älterwerden und die Erkrankungen machen das Zusammenleben der beiden immer schwieriger. Angebote ihres Sohnes (Alex Lutz) Pflegekräfte zu engagieren oder die Möglichkeit des betreuten Wohnens wahrzunehmen, werden ausgeschlagen. Denn: Schon ihr ganzes Leben haben sie in ihrer Pariser Wohnung verbracht, die die Überreste eines gemeinsamen Lebens beherbergt, das so nun schon lange nicht mehr existiert. Für das Ehepaar ist die einstige Gemeinsamkeit zur Einsamkeit geworden, die Ängste, Überforderung und Verzweiflung schürt.

Mit dem Abspann zuerst beginnt auch „Vortex“ wie andere Filme von Noé. Diesmal jedoch nüchtern, ohne Musik, ohne markante Farben. Das Einzige, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind die fast übermächtigen Geburtsjahre der Beteiligten und das beengte Format, in dem der Regisseur die letzten gemeinsamen Tage porträtieren wird. Bevor sich die Szenerie für die beiden und für uns radikal ändert, gewährt man uns aber noch einen Einblick oder vielmehr einen Rückblick auf die Zeit, die von Harmonie, Lebensfreude und Vertrautheit geprägt waren. Für einen kurzen Moment füllt das gemeinsame Leben die Leinwand noch einmal komplett aus, zeigt sie schlafend im Bett. Das Gefühl von Zugehörigkeit und Liebe eingefangen in einer kleinen Geste: Ihre Hand auf dem Arm ihres Mannes.

Als sie erwacht, ist allerdings sofort spürbar, dass sich etwas verändert hat. Ihr Blick wird suchend, fragend. Unterdessen teilt sich schleichend und ganz subtil das Bild. Von oben senkt sich ein schwarzer Balken, vertreibt die Hand und baut eine unüberwindbare Begrenzung zwischen dem Ehepaar auf. Mit diesem prägnanten Moment etabliert sich die Ästhetik, die für „Vortex“ tatsächlich nicht nur visuelle Spielerei ist. Vielmehr nimmt uns der Splitscreen mit in den titelgebenden Strudel aus unkontrollierbaren Gefühlen, die zwei Menschen erleben, als sie versuchen, mit einer Krankheit fertig zu werden, die ihnen das Zusammenleben und ein Überleben kaum noch möglich macht.

Noé und sein Kameramann Benoît Debie verdeutlichen schon mit ihren ersten Bildern und langen Sequenzen, dass das Ehepaar den Großteil des Tages aneinander vorbei lebt. Schnittpunkte gibt es keine mehr, er versucht sein Buch über Film zu schreiben, sie verschreibt sich selbst starke Medikamente und wandert umher im einem unbekannten Labyrinth aus Erinnerungen und Alltag. Lediglich in einzelnen wenigen Szenen ermöglicht „Vortex“ Überschneidungen, sogar kleine Berührungen. Meist sind es die Augenblicke, in denen sich der Nebel ihrer Krankheit lichtet und sie für kurze Zeit aus dem Gefängnis ihrer Gedanken entlässt. Wenn das geschieht, erdrückt einen die Fülle der aufkommenden Emotionen regelrecht im Kinosaal. Hier mischt sich Hilflosigkeit mit Angst, Verzweiflung mit Wut und Liebe mit Trauer. Die schiere Überforderung, die die Figuren verspüren, überträgt sich schlagartig auch auf uns, entwaffnet uns und treibt uns in die Fänge eines sich entwickelnden Albtraums.

Mit einer feinfühligen Beobachtungsgabe lässt uns Gaspar Noé in über 140 Minuten ganz nah an das Geschehen, die intimen Momente heran und kostet dabei jede Minute aus, um uns bis an die emotionale Grenze zu bringen. „Vortex“ ist ein Film, dessen Tragweite man sich ziemlich schnell bewusst wird, der aufgrund der Detailfülle, Symbolik und nicht zuletzt wegen der Darstellung aus zwei Sichtweisen unbedingt mehr als einmal gesehen werden muss.

Fazit

Wenn aus liebevoller Zweisamkeit schmerzhafte Einsamkeit wird, wenn aus Intimität Entfremdung wird und wenn ein wunderschöner Traum zum beängstigenden Albtraum wird: „Vortex“ ist ein berührendes, intensives Drama, das mit Wehmut, Ehrfurcht und Fingerspitzengefühl dem Alter und einer tückischen Krankheit begegnet.

Bewertung

Bewertung: 10 von 10.

Bild: (c) Wild Bunch