Als sich eine Gruppe junger Tänzer nach der Probe für ihre anstehende US-Tour ausgelassen einer Party hingibt, ahnt sie noch nicht, dass sie in den folgenden Stunden ihre schlimmsten Alpträume durchleben würde. Ist die Stimmung anfangs noch freudvoll und voll knisternder Erotik, schlägt sie mit zunehmendem Alkoholgenuss um und wandelt sich zu einer toxischen Mischung aus Besinnungslosigkeit und blankem Entsetzen.

„Climax“ ist der neue Film des argentinischen Skandalregisseurs Gaspar Noé, hat eine Laufzeit von 96 Minuten und feierte seine Premiere bei den diesjährigen Filmfestspielen im französischen Cannes. Der österreichische Kinostart ist auf den 7. Dezember 2018 terminiert.

Strahlend weißer Schnee, mittendrin eine blutverschmierte Frau, Abspann. Entgegen seiner bisherigen Herangehensweise verzichtet Noé dieses Mal auf flackernde Bilder und den kleinen Epilepsieanfall für zwischendurch, sondern präsentiert dem Zuschauer kurzerhand erst einmal das Ende seines neuen Films und lässt damit schmerzhafte Erinnerungen an seinen womöglich größten bisherigen Skandal „Irreversibel“ wach werden. Die nachfolgende Narration kommt dann allerdings überraschend geradlinig daher und beginnt mit Einzelinterviews der Protagonisten, eingerahmt in Anspielungen auf die Lieblingswerke Noés. „Suspiria“, „Salo oder die 120 Tage von Sodom“, „Zombie“; Werke, die nicht zufällig dort platziert wurden.

Nach der kurzen Einführung der Charaktere begibt sich der Film an den Ort des Geschehens. Eine verlassene Turnhalle, obskur geschmückt und in Neonfarben getränkt. Die Darbietung einer unglaublich intensiven Choreographie, die selbst Personen ohne Affinität zum Tanz in ihren Bann zieht, stellt den ersten Höhepunkt des Films dar, ist verglichen mit dem Rest der Story aber nur eine Einleitung; im wahrsten Sinne. Was sich in den letzten zwei Dritteln des Films abspielt, ist nur schwer in Worte zu fassen. Wiegt Noé den Betrachter anfangs noch in Sicherheit und lässt beinahe den Irrglauben entstehen, dass „Climax“ möglicherweise weniger Skandal und viel mehr Musical ist, vollführt er urplötzlich eine Kehrtwende und schlägt ihm inbrünstig mit Anlauf ins Gesicht.

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Dabei stellt sich vor allem die Frage, wo der Regisseur sein Ensemble aufspürt. Da es sich größtenteils um Tänzer zu handeln scheint (anders lassen sich die atemberaubenden Bewegungen kaum erklären), sind diese glücklicherweise auch noch mit großem schauspielerischen Talent ausgestattet und vermitteln eine beängstigende Glaubwürdigkeit. Gefühlsausbrüche, Panikattacken und absurde Verrenkungen, die Bandbreite der Darbietungen ist ebenso vielfältig wie die sexuellen Vorlieben seiner Protagonisten. Der eintretende Realitätsverlust überträgt sich dabei nach und nach auf das Publikum, welches dem Geschehen nur noch schwer folgen kann und sich rotierenden Kameraeinstellungen und immer wieder neuen Handlungssträngen hilflos ausgesetzt fühlt. Wer denkt, dass eine auf der Tanzfläche urinierende Tänzerin das Höchstmaß der Skurrilität ist, hat die Dame mit den brennenden Haaren ein paar Meter weiter noch nicht kennengelernt.

Und als sei dies noch nicht genug, um den Stresslevel des Zuschauers in schwindelerregende Regionen zu treiben, feuert der Film ununterbrochene Basssalven in die Gehörgänge seiner Betrachter. Nahezu über die komplette Lauflänge ist der optische Rausch mit technoiden Soundwänden unterlegt, der das ungute Gefühl aufkommen lässt, dem Chaos selbst aktiv beizuwohnen. Noé terrorisiert sein Publikum auf allen Ebenen, sodass das Ende des Films einer Erlösung gleicht.

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Fazit:

Was als abgedrehte Version von „La La Land“ beginnt, steigert sich im Fortlauf zu einer radikalen Orgie aus rauschenden Farben, wilden Showeinlagen und verstörenden Bildern, die den Großteil aktueller Horrorfilme wie mittelmäßiges Puppentheater aussehen lassen. „Climax“ ist nicht nur ein Film außerordentlicher Natur, sondern erweist sich als bisheriger Höhepunkt der Schaffensphase Noés, der es aktuell wie kein Zweiter schafft, sein Publikum an den Rand der Belastbarkeit zu bringen.

Bewertung:

9 von 10 Punkten

von Cliff Brockerhoff

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