Der Tanz kann eine tiefere Wahrheit über uns ans Licht bringen, raunt der essayistisch-experimentelle Dokumentarfilm „Invisible People“ von Alisa Berger, der am 30. Oktober in den deutschen Kinos gestartet ist und derzeit im Rahmen von Special Screenings gezeigt wird (Termine hier). Von Butoh, das zentrale Sujet des Films und ein nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenes japanisches Avantgarde-Tanztheater, haben wohl die wenigsten hierzulande bisher gehört. Mindestens hochinteressant – und zuweilen beklemmend – kann eine Sichtung dennoch sein.

von Jonas Schilberg

„Invisible People“ verschachtelt sich dramaturgisch einfallsreich

In den ersten Minuten vereinnahmt der Film den Zuschauenden künstlerisch durch ein anhaltendes Stroboskop-Licht. Auch Gaspar Noé greift gelegentlich, etwa in „Enter the Void“, auf diesen Kniff zurück, mit welchem sich relativ einfach eine immersive, beinahe spirituelle Erfahrung erzeugen lässt. Dies ist hier durchaus gelungen platziert, zieht es doch in Bann und reflektiert zugleich eine existenzialistische Erfahrung, die elektrisiert. In den schließenden Minuten des Films wird sich der Stroboskop-Effekt wiederholen.

Weniger ist es eine klare Struktur, der „Invisible People“ folgt, mehr sind es fast dauerhafte Voiceover – mehrheitlich eingesprochen von der Regisseurin Alisa Berger, die sich selbst in Butoh ausbilden lässt –, welche dieses Tanztheater einordnen, kontextualisieren, beschreiben. Zugleich wird es mit einer persönlichen Schicksalsgeschichte um den an Krebs erkrankten Vater verwoben. Das ist einerseits kunstvoll und anregend, erfordert aber zugleich viel Konzentration und kann Laien des Themas mitunter überrumpeln. Den Überblick zwischen all den Namen zu behalten – berühmte Butoh-Lehrer etwa – kann da mühsam werden, wird bereits Bewanderten hingegen wohl leichter fallen.

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Nicht alles ist sofort greifbar

Immer wieder werden einzelne Personen lange in einer Porträtsicht gefilmt. In anderen Sequenzen zeigt „Invisible People“ unvermittelt Butoh-Performances – verstellte, gar entstellte Körper, die sich unwirklich und improvisiert formen; mitunter auf Spielplätzen, was das surreale Element bestärkt. Und ebenfalls verstören kann. Durch diese Form von Annäherung, die insgesamt als fragmentarisch bezeichnet werden kann und allein dadurch zur weiteren Auseinandersetzung einlädt, entsteht eine Faszination. Eine Faszination für etwas, das auch nach der Sichtung von „Invisible People“ womöglich nicht vollständig benannt oder verstanden werden kann. Doch gewissermaßen geht es Bergers Film genau darum.

„Wenn du tanzt, bist du kein Mensch mehr“, heißt es nämlich an einer entscheidenden Stelle. Diese These filmisch zu verarbeiten, das versucht dieses Werk. Zahllose Gedankenfetzen durchziehen es dabei und blitzen grell auf. Man sollte deshalb aber nicht annehmen, das rein Inhaltliche stehe im Vordergrund; vielmehr ist es die Form. Denn auch Butoh ist letztlich Form (oder die Lücke zwischen zwei Formen, heißt es an einer Stelle) – und durch eine bestimmte Form ergeben sich dann gewisse Inhalte.

Dass man sein Leben für die Kunst „opfern“ müsse, der Butoh vor allem dort präsent sei, wo alles Show ist (namentlich Stripclubs und Cabarets), diese und weitere Anstöße lassen so einen Bewusstseinsstrom entspringen, welchen vielleicht sonst nur Butoh entfacht. Bis zuletzt bleibt selbst der Titel kryptisch: Sind die Unsichtbaren nun die Toten, die Außenseiter, die Masse, die Butoh-Tänzerinnen?

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Dem Näherbringen der persönlichen Leidenschaft schließt sich eine Aufforderung an

Hier unscharf zu bleiben, fordert den Zuschauenden auf, selbst über das Gesehene zu reflektieren. Berger ist Künstlerin, dies merkt man „Invisble People“ an, der auf einige visuelle Experimente nicht verzichtet. Appellativ wird der Film zum Ende hin dann schon: Ungewohnt eindringlich fordert er eine präzise (Selbst-)Beobachtung des Zuschauenden ein, um nicht zum „Automaten“ zu werden, wie es heißt. Der Automat kennt Nullen und Einsen, der Mensch aber, der ist komplexer, besitzt – ganz nach dem Butoh – eine „tiefere Wahrheit“, vermittelt das Werk in seinem Ganzen. Dies ist die aufklärerische Essenz eines filmischen Experiments, das durch die vielen, teils skurrilen Sinneseindrücke zugleich existenzialistisch angehaucht ist – Existenzialismus, da geht schließlich Existenz der Essenz voraus, um mit Sartre zu sprechen.

Fazit

Wer sich für Performance-Kunst interessiert, wird in „Invisible People“ ein Juwel finden – wem sie gänzlich unbekannt ist, der mag überforderter sein. Angesichts einer Laufzeit von lediglich 71 Minuten, lohnt sich eine Sichtung dennoch. Zirkulierende Gedanken mögen die Folge sein.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

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„Invisible People“ – Trailer

Bilder: © 2024 FORTIS FEM FILM