Seit 23.5. findet in Wien das „Festival des internationalen Dokumentarfilms“, kurz Ethnocineca, statt. Die Kuratoren haben wieder ein breites Programm zusammengestellt, das sich insbesondere auf Filme konzentriert, die unterschiedliche Kulturen, Lebensentwürfe und -realitäten gegenüberstellen. Im besonderen Fokus stehen heuer soziale Zusammenhänge, die sich aufgrund vielfältiger globaler Umwälzungen „at risk“ befinden.

von Christian Klosz

Am Freitag, 24.5. war die sehenswerte Doku „I see red people“ der bulgarisch-französischen Filmemacherin Bojina Panayotova zu sehen. Der Film ist eine Mischung aus Familienporträt, persönlicher Entwicklungsgeschichte und (realem) „Spionage-Thriller“, visuell und stilistisch sehr ansehnlich umgesetzt.

Bojina wurde zwar in Bulgarien geboren, wuchs aber in Frankreich auf, wo sich ihre Eltern niederließen, als sie noch ein Kind war. Über die (kommunistische) Vergangenheit ihrer Heimat und mögliche familiäre Verstrickungen wurde nie gesprochen, lange Zeit war das auch für Bojina kein Thema. Als vor einigen Jahren in Bulgarien gegen aktuelle Politiker mit Schlachtrufen wie „Weg mit dem roten Abschaum!“ demonstriert wird, wird Bojina hellhörig. Bei einem Besuch in ihrer alten Heimat beginnt sie, sich und ihren Eltern Fragen zu stellen: Warum ist die kommunistische Vergangenheit Bulgariens zu Hause ein Tabuthema? Was wissen die Eltern über deren Eltern, die trotz kommunistischer Diktatur in der Welt herumreisten? Waren die beiden Großväter gar kommunistische Spione, und inwieweit waren die eigenen Eltern involviert? Langsam, aber stetig dringt Bojina zur Wahrheit vor, die nicht nur sie auf eine harte Probe stellt, sondern auch das gesamte Familiengefüge zum Wackeln bringt.

„I see red people“ demonstriert auf anschauliche Weise, wie Familien ihre „eigenen Wahrheiten“ und Geschichten konstruieren, und wie resistent diese gegen Kritik und Widerstände sind. Bojina, aufgewachsen im liberalen Mitteleuropa, identifiziert sich instinktiv mit den Protesten gegen Korruption und „rote Restbestände“ in der Politik ihrer alten Heimat, und entdeckt hier selbst erstmals Widersprüche zu ihrer eigenen Sozialisation. Sie „verstehe gar nichts“ meint ihr Vater in einem Skype-Gespräch, das im Film zu sehen ist, sie verhalte sich „arrogant und affektiert“ und stelle zu viele Fragen, eben wie eine typische Französin, fügt er genervt hinzu. Doch Bojina lässt sich nicht von ihrem Weg abbringen, forscht weiter, und will mögliche Verstrickungen ihrer Familie mit dem kommunistischen Regime aufdecken. Das alles stellt das zuvor intakte Familiengefüge auf eine harte Probe, und bringt Tatsachen zutage, die überraschend wie schockierend sind.

„I see red people“ ist sowohl eine interessante filmische Exkursion in die Geschichte eines ehemals kommunistischen Landes, als auch in die Geschichte eine Familie, die dort ihre Wurzeln hat. Vor allem aber ist der Film die – sehr persönliche – Geschichte einer jungen Filmemacherin, die sich kompromisslos auch die Suche nach den Geistern der Vergangenheit macht, und dabei selbst vor Konflikten mit ihrer Familie nicht zurückschreckt. Sehenswert, stilistisch ansprechend, und sehr erhellend.

Rating:

81/100

Bild: Ethnocineca