„Verschwörungstheorien“ sind derzeit in aller Munde: Selten waren sie positiv besetzte Produkte menschlicher Fantasie, derzeit gelten sie als geradezu gefährlich, jedoch nur für die, die bestimmtes Gedankengut als „Verschwörungsidee“ erkennen, denn deren Anhänger sind felsenfest davon überzeugt, im Besitz der Wahrheit zu sein. Oliver Stone konstruierte seinen 1991 erschienenen Film „JFK“ über die Ermordung des beliebten US-Präsidenten im Jahre 1963 auf Grundlage von Erkenntnissen, die von Gegner seiner Ansichten – u.a. der offiziellen US-Politik – auch als „Verschwörungstheorien“ bezeichnet wurden. Wenngleich Stone immer zugab, dass sein Film ein fiktives Werk ist, legte er durch die Machart und den halb-dokumenatrischen Stil nahe, hier „die Wahrheit“ über den Tod John F. Kennedys zu präsentieren, die von offizieller Stelle bisher verschwiegen würde. Und ungleich vieler, anderer abstruser Ideen (wie etwa aktuell in der Corona-Krise) erscheint die von ihm erzählte Geschichte naheliegend und nachvollziehbar, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Widersprüche in der von der „Warren-Kommission“ verbreiteten Lesart, das Attentat wäre ein verrückter Akt eines Einzeltäters gewesen. Zweifel an dieser Darstellung gibt es inzwischen auch von höchsten politischen Entscheidungsträgern und nicht wenige Wissenschaftler und Historiker gehen davon aus, dass Stones Erkenntnisse näher an der Wahrheit liegen als die offizielle Erzählung.

von Christian Klosz

30 jahre nach Erscheinen von „JFK“ widmet sich Stone erneut seinem liebsten Sujet. Der Dokumentarfilm „JFK Revisited“ ist eine rasant erzählte und erstklassige Ergänzung zu den 1991 dargestellen Erkenntnissen, die sich auf neue, inzwischen veröffentlichte Dokumente stützt und die Beweisführung fortführt.

Die zentrale Aussage – damals wie heute: Der Tod Kennedys geht auf eine Verschwörung der US-Geheimdienste (oder ihr angeschlossener Organisationen) zurück, die mit der Politik JFKs nicht zufrieden waren und ihn loswerden wollten, um eigene politische Ziele zu verfolgen. Endgültige Beweise kann auch „JFK Revisited“ nicht darlegen, aber die Erkenntnisse verhärten sich derart, dass Stone selbst von „conspiracy facts“ spricht, eine Feststellung, der man zustimmen möchte.

Der Film feierte in Cannes 2021 seine Weltpremiere und ist seit letzter Woche in ausgewählten deutschen Programmkinos zu sehen, am 1.12. erscheint er als VOD. Bezeichnenderweise hat Stone bisher keinen US-Verleih gefunden, zu groß seien dort die Bedenken, die Inhalte der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Jedenfalls is „JFK Revisited“ Stones bester und vor allem relevantester Film seit Jahren, in dem er zu alter Form aufläuft: im bekannten, stakkatoartigen Schnittstil und mit enormem Tempo präsentiert er Dokumente, Aufnahmen, Indizien, Belege und immer neue Informationen und lässt ausgewiesene Experten und Fachleute zu Wort kommen (nebenbei u.a. auch den Sohn Robert Kennedys). Die Beweislage erscheint bedrückend, doch ob der Fall jemals völlig geklärt werden kann, steht weiterhin in den Sternen. Denn gewisse Dokumente sind inzwischen bereits für die Öffentlichkeit freigegeben, aber sie muss bis 2029 warten, um vollen Zugang zu bekommen.

Fazit:

„JFK Revisited“ ist ein fordernder, dichter Film mit einer Menge Informationen, der trotzdem äußerst unterhaltsam und kurzweilig ist. Für Zuschauer, die bisher mit dem Fall nicht vertraut sind, bietet er einen guten Einstieg, aber auch einen „Sprung ins kalte Wasser“, es ist jedenfalls die Sichtung von „JFK“ zuvor empfohlen. Für Interessierte und Fans des Orginalfilms ist Stones dokumentarische Ergänzung geradezu Pflicht, weil sehenswert und historisch höchst relevant.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(88/100)

Bild: (c) DCM Film Distribution