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„Spencer“: Kritik zum Kinostart

In seinem zweiten englischsprachigen Spielfilm widmet sich der chilenische Regisseur Pablo Larraín nun nach „Jackie“ Kennedy dem Leben von Princess Diana (Kristen Stewart), gebürtig Spencer. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Steven Knight („Im Netz der Versuchung“, „Locke“). Anstatt das gesamte Leben inklusive des tragischen Endes von Diana zu beleuchten, spannt sich der Zeitraum von „Spencer“ nur über wenige Tage. Genauer gesagt über die Weihnachtsfeiertage, die von der Royal Family traditionellerweise auf dem Landgut Sandringham Estate zelebriert werden.

von Christoph Brodnjak

Und Tradition ist genau das Stichwort: Seit ihrer Heirat mit Prince Charles ist Dianas Leben dominiert von Tradition, alten Werten und den Erwartungen, die man an sie und die gesamte Familie richtet, und schwer auf ihren Schultern lasten. Sie fühlt sich fehl am Platz in dem Haus, in dem jeder alles hört und die Adleraugen des oberste Dieners alles sehen. Die meisten Mitglieder der Familie würden ihr dabei zustimmen. Diana ist hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach Rebellion und Defätismus. Stärke findet sie in ihren Freunden, ihren Kindern und Anne Boleyn, der zweiten Frau Henry VIII, der sie in ihren Visionen begegnet. Ambiguität bekommt ihr Charakter dadurch, dass sie ihr Leid auch den Bediensteten und selbst ihren eigenen Kindern gegenüber offen zur Schau stellt, handelt es sich dabei doch um ganz andere Machtverhältnisse als beispielsweise ihrem Ehemann gegenüber. Wie dieses Element zu bewerten ist, sei jedem selbst überlassen.

Kristen Stewart als Diana ist kaum wiederzuerkennen, wobei gewisse Macken doch ab und an immer noch durchscheinen. Sie spielt die Rolle der selbstbestimmten aber dennoch zutiefst unglücklichen und kranken Frau mit Charme, Grazie und Wehmut. Sie ist auch in jeder Hinsicht der Fokus des Films, in sowohl textueller, als auch rein filmischer Hinsicht. Die anderen Mitglieder der königlichen Familie sind reine Statisten, oftmals nur im Hintergrund oder völlig unscharf zu sehen. Zwar gibt es durchaus Dialoge mit Prinz Charles oder der Queen, neben Diana sind es aber vor allem die Bediensteten, die zur Sprache kommen.

Dieser Strudel an Emotionen, den Diana an diesen paar Tagen durchlebt, wird auch vor allem durch das Bild, die Musik und die Kostüme getragen. Wobei es einem fast schwer fällt, die zahlreichen schönen Kleider und Kostüme zu loben, sind sie doch auch Teil der Unterdrückung, und zugleich auch ihres Widerstands. Dennoch unterstreichen all diese Elemente die Stimmung von „Spencer“. Und Stimmung ist es, was der Film vermitteln will. Mal tanzt Diana durch die Gänge, mal rennt sie in Stöckelschuhen über einen Acker, mal steckt sie sich im Abendkleid über der Toilette den Finger in den Hals. Claire Mathons Kamera und Jonny Greenwoods Musik spiegeln in jedem Moment das Stimmungsbild dieses sehr komplexen – und kaputten – Menschen wider.

Fazit

„Spencer“ schafft es in unter zwei Stunden, und in der Welt des Films gerade mal einem Wochenende, uns einen intimen Einblick in das Leben und den inneren Tumult einer Person zu geben, von der wir uns heute hauptsächlich an ihr tragischen Ende erinnern. Es gelingt mit Einsatz einer sinnlichen Musikkulisse, einer ewig dahinschwebenden Kamera, schönen Kostümen und starken Performances. Was am Ende kommt wissen wir, doch der Weg dahin ist das, was zählt. Und noch lange nachhallt. Seit 13.1. im Kino

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

85/100

Bilder: (c) Polyfilm Verleih

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