Die Opioidkrise in den USA ist ein immer noch zu wenig beachtetes Phänomen. Jedes Jahr sterben zehnttausende Menschen an Überdosen von verschreibungspflichtigen Medikamenten, die Corona-Pandemie hat diese Krise weiter verschärft. Der Film „Stay Awake“, der heuer in der „Generation“-Schiene der Berlinale zu sehen war, beschäftigt sich auf bewegende Weise damit und zeigt, wie Opioidsucht ganze Familien zerreißen kann.

von Christian Klosz

Im Zentrum des Dramas stehen die (stark übergewichtige) Mutter Michelle (Chrissy Metz) und ihre beiden Söhne Ethan (Wyatt Oleff) und Derek (Fynn Argus). Ethan ist am Sprung ins College, Derek verdient sich sein Auskommen im lokalen Bowling-Club, will aber eigentlich Schauspieler werden. Während die beiden Jungen mit ihren Zukunftsplänen beschäftigt sind, werden sie von den Rauschexzessen ihrer Mutter immer wieder auf den Boden der Realität zurückgeworfen. In regelmäßigen Abständen besorgt sie sich Schmerzmittel beim Arzt, um sie dann in Überdosierung zu sich zu nehmen, meist irgendwo im Nirgendwo in dem kleinen Städtchen. Ist sie zuhause nicht aufzufinden, machen sich die beiden Söhne auf die Suche nach ihr und bringen sie ins Krankenhaus, wo sie für eine Nacht behandelt wird, um dann wieder nachhause geschickt zu werden – wo der Spuk von Neuem beginnt. Insbesondere Ethan hat genug von den ständigen Eskapaden, er will sich auf seine Uni-Karriere konzentrieren – und einfach nur weg. Er ist es, der anregt, Michelle in einer Rehab-Klinik unterzubringen. Die willigt schließlich ein und macht einige Schritte Richtung Abstinenz. Als sie nach ihrer Entlassung aber nicht zuhause auftaucht, steht die Zukunft der ganzen Familie auf der Kippe.

Debütregisseur Jamie Sisley verarbeitet in „Stay awake“ laut eigenen Angaben sein eigenes Aufwachsen mit einer süchtigen Mutter. Man merkt dem Film auch in jedem Moment seinen sensiblen Umgang mit dem Thema an, der alle aufkommenden Gefühle der Protagonisten wertungsfrei abbildet. Insbesondere der von Wyatt Oleff hervorragende verkörperte Ethan vermittelt einen Zustand zwischen Hoffnung, Wut, Ohnmacht, Resignation und innerer Zerrissenheit glaubhaft, den wohl viele Angehörige von Suchtkranken durchleben müssen. Auch Chrissy Metz spielt die opioidabhängige Mutter äußerst glaubwürdig, sie ist ebenso hin- und hergerissen zwischen (alten) Wunden der Vergangenheit und Ansprüchen der Gegenwart und an sie, die sie nicht erfüllen zu können glaubt.

„Stay Awake“ ist in erster Linie ein intimes Familiendrama, das sich mehr für Psychologie und zwischenmenschliche und innerpersonelle Konflikte interessiert, als für soziale oder gesellschaftliche Hintergründe. Das ist aber durchaus kein Vorwurf, denn so erfahren wir aus nächster Nähe, wie es vielen Familien und Betroffenen in den USA (und darüber hinaus) gehen muss.

Kritikpunkte gibt es wenige, man kann dem Film aber vorwerfen, in seiner Dramaturgie etwas zu generisch zu sein, sprich: Eine Geschichte zu erzählen, die man so schon sehr, sehr oft gesehen hat. Vielleicht nicht unbedingt im Kontext von Opioidabhängigkeiten, aber sehrwohl in Bezug auf Alkohol und andere Drogen. Darum sind gewisse Handlungswendungen auch vorhersehbar und der „Ausgang“ der Geschichte birgt wenig Überraschungen. Aber „Stay Awake“ ist auch kein Thriller, sondern ein ruhig erzähltes, empathisches Drama voller authentischer Charaktere, für die man schnell Sympathie entwickelt und deren emotionale Achterbahnfahrten berühren und bewegen.

Fazit:

Ein starker Debütfilm, der als feinfühliges Drama die emotionalen Belastungen darstellt, mit der Familien von (Opioid-)Abhängigen zu kämpfen haben. Zum großen Wurf fehlt das Überraschungsmoment oder auch die inszenatorische Originalität, aber „Stay awake“ ist ein solider und intimer US-Autorenfilm, der durch die persönliche Betroffenheit des Regisseurs äußerst authentisch und realistisch wirkt.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

Bilder: © Stay Awake