Ihr kennt das: auf der Suche nach der großen Liebe weichen die rosaroten Ansprüche schnell der tiefschwarzen Realität. So gut die Textwechsel im Vorfeld liefen und so tiefgründig und aufrichtig die Telefonate oft schienen, so groß ist dann die Enttäuschung wenn sich das vermeintliche Gegenstück im persönlichen Aufeinandertreffen als weitere Lektion erweist. Auch Noa befindet sich an diesem Punkt in ihrem Leben, ist laut eigener Aussage schon „ewig allein“ und hat nur noch wenig Hoffnung den richtigen Partner ausfindig zu machen.

von Cliff Brockerhoff

Doch wie der Zufall es so will, trifft die junge Frau eines Abends den gutaussehenden und ebenso vereinsamten Steve, wo sie am wenigsten damit rechnet. In der Gemüseabteilung des örtlichen Supermarktes entsteht schnell eine erotisch aufgeladene Spannung, die sich in zeitnah erfolgenden Treffen entlädt. Die Chemie zwischen den beiden scheint zu passen, der Alkohol fließt in Strömen und alles scheint sich in die richtige Richtung zu entwickeln. Doch der Schein trügt, denn als Steve seine neueste Errungenschaft auf ein kleines Abenteuer entführt, findet sich Noa plötzlich in einer mehr als prekären Lage wieder.

So vielschichtig die ersten Minuten von „Fresh“ sind, so wendungsreich ist auch der weitere Verlauf der unterhaltsamen zwei Stunden. Regisseurin Mimi Cave findet in ihrem Regiedebüt interessante Zwischenräume, bespielt zunächst eine locker leichte Beziehungskomödie, lässt erste Lacher aber immer mehr in ihrem Gebräu aus satirischer Sozialkritik und explizitem Psychothriller verstummen. Cave bedient sich dabei zweifelsfrei bei anderen Referenzwerken und versucht erst gar nicht ihre Inspiration zu verstecken. Wenn Steve zu beschwingten Klängen durch seine Küche tanzt, knüppelt einem das Werk die Nähe zu „American Psycho“ nahezu mit dem Fleischhammer zwischen die Augen. Die erzeugte Stimmung lässt sich dabei ebenso vergleichen. Viele Szenen sind mitunter so skurril, dass die Zuschauerschaft nur schwerlich entscheiden kann ob sie nun lauthals lachen darf oder doch schwer schlucken muss. Das sorgt letztlich dafür, dass der Film auf zwei Ebenen funktioniert: einerseits präsentiert er sich als blitzsauber inszenierte Unterhaltung ohne Längen, öffnet jedoch auch tiefgreifende Themen, über die sich diskutieren lässt.

Ein Zwiespalt in dem Ausmaß kann durchaus schiefgehen, aber in „Fresh“ ergänzen sich der schwarze Humor und die thematische Schwere, begünstigt durch wandlungsreiche Protagonisten, von denen insbesondere Sebastian Stan als schwer einzuschätzender Antagonist in vielen Szenen sein Talent zur Schau stellen kann. Mittels diverser Nahaufnahmen ist der Zuschauer immer möglichst nah dran am Geschehen, sieht sich visuell intensiven Bilder gegenüber und muss versuchen in Dialogen, Gesichtszügen und Gesten eine Erklärung für all das zu finden. Viele Details legt der Film im Fortlauf offen, bewahrt sich aber gleichzeitig ein Mindestmaß an Mysteriösität, der die Rahmenhandlung und vor allem die Hintergründe der Geschichte umgibt. Im letzten Drittel fällt „Fresh“ dann leider ein wenig aus der Rolle, wird zu generisch und kann nicht mehr so wuchtig aufspielen wie in den Minuten davor. Wer sich davon nicht beirren lässt, erlebt aber insgesamt einen abwechslungsreichen Film mit tollen Schauspielern, schön eingebauten Metaphern und einem fantastisch arrangierten Soundtrack, der zweifelsfrei frischen Wind in das Genre bringt.

Fazit

Ein Regiedebüt, das mundet: „Fresh“ serviert als Vorspeise bittersüße RomCom Unterhaltung, dekonstruiert im Hauptgang emotionale Abhängigkeiten und versucht sich bei der Nachspeise sogar noch an einem Kommentar auf die so etablierten Naturgesetze unserer Menschheit. All das harmoniert nicht immer, schmeckt im Abgang jedoch deutlich unangenehmer als gedacht. Ein Film zwischen visueller Härte, skurrilem Charme und erschreckend zielsicherer Satire.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(72/100)

Bilder: ©20th Century Studios / Searchlight Pictures