Was würde ich in einer Situation wie dieser tun? Hätte ich mich anders entschieden? Hätte ich diesen Mut auch aufbringen können? Sobald ein Film es schafft solche Gedanken bei seiner Zuschauerschaft in Gang zu bringen, hat er zumindest etwas richtig gemacht. Die emotionale Verbindung steht und der geneigte Betrachter fängt an mitzudenken, mitzufühlen und mitzuleiden. Schwierig wird es aber immer dann, wenn die Antworten auf die Fragen grundsätzlich gegensätzlich zu denen sind, die die Protagonisten innerhalb des Films für sich treffen.

von Cliff Brockerhoff

So ähnlich lässt sich die Gefühlswelt bei der Sichtung von „Coming home in the dark“ umreißen, bei dem eine Familie bei einem Picknick urplötzlich von zwei Verbrechern überfallen wird. Schnell wird klar, dass es nicht bei einer Unterhaltung bleiben wird. Spätestens als Mandrake, offensichtlich Kopf des Duos, unvermittelt seine Waffe zieht um seinen Drohgebärden Nachdruck zu verleihen. Was anfangs wie ein komplett willkürliches Aufeinandertreffen wirkt, bekommt nach und nach eine persönliche Ebene, die längst vergangene Wunden aufreißt und neue Gräben entstehen lässt.

Die Voraussetzungen für einen fesselnden Thriller sind zweifelsohne da. Die raue Kulisse raubt der Story den letzten Funken Hoffnung und der erste Akt ist thematisch so gnadenlos inszeniert, dass die Messlatte einmal gen Himmel Neuseelands fliegt – sich mit der Zeit aber selbst justiert, denn das Level der ersten Minuten kann schlichtweg nicht gehalten werden. Generell muss sich der Film den Vorwurf gefallen lassen durch seinen antiklimaktischen Aufbau einen eher untypischen Weg zu beschreiten, der gerade hinten raus dafür sorgt, dass der Nervenkitzel erlahmt, statt nochmal richtig anzuziehen. Wer den Dialogen aufmerksam lauscht ist zügig imstande die Zusammenhänge zu erkennen. Die Motivation der Täter schwebt wie eine dunkle Wolke über der Szenerie, denn anstelle von Mitleid mit der Familie zeichnet sich eher eine zweifelhafte Sympathie mit der Gegenseite ab. Das liegt einerseits daran, dass die Hintergrundgeschichte hier sehr viel detaillierter beleuchtet wird und, womit wir bei eingangs aufgeführter Problematik angekommen wären, andererseits vor allem daran, dass die Handlungen der „Guten“ so naiv, unbedacht und unlogisch sind, dass man sich gar des Gedankens erwehren muss, dass das Leid verdient ist.

Nicht falsch verstehen: im rechtlichen Sinne sind und bleiben die Bösen hier auch die Bösen – es geht nicht darum ihre Straftaten zu beschönigen – aber der Großteil der Familie verharrt trotz mehrerer Gelegenheiten in totaler Lethargie, unternimmt Fluchtversuche in den ungünstigsten Momenten, führt dazu unglaublich sinnlose und schwülstige Dialoge miteinander und kann zu keinem Zeitpunkt der Geschichte in irgendeiner Art und Weise mit Einstellung und/oder Handlung überzeugen. Aus psychologischer Sicht kann dieses Verhalten mit dem oft zitierten „Schockzustand“ erklärbar gemacht werden, das Drehbuch räumt den Antagonisten aber ja sogar bewusst Unachtsamkeiten ein, die dilettantisch übergangen werden. So entwickelt sich ein abnehmender Spannungsbogen, der auf ein Ende zusteuert, das sich wie ein Elefant im Porzellanladen ankündigt und zu allem Überfluss auch noch absolut vermeidbar gewesen wäre, hätte nur eine der Figuren mehr zu tun als schwülstige Durchhalteparolen oder halbgare Drohungen in die Kamera zu sprechen. Die Mischung aus Thriller und Drama ist wahrlich kein schlechter Film und weiß seine minimalistischen Gegebenheiten gerade zu Beginn anzubringen, vieles verbleibt aber im Konjunktiv und lässt einen als Zuschauer ratlos und kopfschüttelnd zurück.

Fazit

„Coming home in the dark“ ergießt sich äußerst zähflüssig über seine Zuschauerschaft, erörtert komplexe moralische Leitfragen vor der schroffen Szenerie Neuseelands, scheitert letztlich aber vor allem daran, dass er es nie schafft eine emotionale Bindung zuzulassen. Dazu sind die Einzelschicksale der Protagonisten zu abstrakt und die handelnden Charaktere größtenteils leider auch schlicht zu naiv und somit unnahbar. Ein Regiedebüt mit viel Schatten bei wenig Licht. Ab 22. April 2022 als DVD, BluRay und 2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook (BluRay + DVD) erhältlich und seit 14. April 2022 digital verfügbar.

Bewertung

Bewertung: 4 von 10.

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Bilder: ©Capelight Pictures