Janus Metz‘ neuester Film „Der Anruf“ (OT: „All the old knives“) gesellt sich zu James Bond & Co., um Spionagefantasien auf der Leinwand zum Leben zu erwecken. Doch anders als sein Kollege trinkt der CIA Agent Henry Pelham (Chris Pine) Wein statt Martini und starrt lieber mit Hundeaugen in der Gegend umher, als Bösewichte zu vermöbeln: Ein Slow-Burn-Thriller mit wenig Action, dafür aber mehr Romantik, der jetzt auf Amazon Prime zu sehen ist.

von Natascha Jurácsik

Als Mitglied des CIA-Außenpostens in Wien erlebt Henry die Tragödie des Fluges 127 hautnah mit, eine terroristische Geiselnahme, die in einem Blutbad endet. Jahre später gibt es Grund zum Verdacht, dass ein Maulwurf in den eigenen Reihen zum Scheitern der Operation geführt haben könnte und Henry wird beauftragt, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch die Hauptverdächtige ist ausgerechnet Celia, seine ehemalige Flamme, die ihn und das Team kurz nach den Vorkommnissen in Wien verließ. Alte Gefühle kommen hoch und Henry ist sich nicht sicher, ob er am Ende in der Lage ist zu tun, was nötig wäre.

Seit dem Kalten Krieg ist der Spion fester Bestandteil der Kinowelt. Ob nun als Fäuste schwingender Held oder charmanter Verführer: Ein gewisses Charisma darf nicht fehlen. Leider kann auch Chris Pines Schauspieltalent und gutes Aussehen das etwas langweilige Drehbuch von „Der Anruf“ nicht ersetzen, wodurch der Protagonist Henry Pelham etwas zu kurz kommt – wie eigentlich alle Charaktere.

Der Film springt zwischen mehreren Handlungssträngen und Zeitabschnitten hin und her: Der Vorfall in Wien, Henrys und Celias Beziehung, die Suche nach dem Maulwurf und das Wiedersehen der einstigen Liebhaber bei einem Abendessen, das Klarheit über die damalige Situation und ihre gemeinsame Vergangenheit schaffen soll. Trotz solcher häufigen Wechsel kann man der Geschichte sehr gut folgen, solange man aufmerksam zuhört, die Informationen werden dem Zuschauer auf eine leicht verständliche Weise vermittelt, wodurch es zu keinerlei Verwirrung kommt. Vermutlich ist dies Olen Steinhauer zu verdanken, denn er schrieb nicht nur den Roman, auf dem „Der Anruf“ basiert, sondern auch das Drehbuch. Allerdings scheitert er am Zwischenmenschlichen, denn die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren wirken etwas oberflächlich, was teilweise den einfallslosen Dialogen zu „verdanken“ ist.

Die Kamera versucht zu kompensieren: Langsame Zooms und stimmungsvoll beleuchtete Nahaufnahmen von Gesichtern versuchen eine Intimität zwischen Henry und Celia zu schaffen, doch den Mangel an Chemie kann auch das beste Bild nicht kaschieren. Als Herzstück der Geschichte fehlt dieser tragischen Liebe die Leidenschaft – und wenn das Publikum nicht von dieser Liebe überzeugt ist, funktioniert auch die dramatische Offenbarung am Ende nicht.

Visuell erinnert „Der Anruf“ somit eher an deutsche und skandinavische Krimis: düstere Farben, bewölkte Himmel, in Schatten gehüllte Szenen und eine Atmosphäre der Einsamkeit. Optisch macht das ganze durchaus was her, aber auch das rettet den Film nicht vor der Eintönigkeit, die es einem schwer macht, bis zum Ende aufmerksam zu zuschauen.

Der Mangel an Action lässt die Aufmerksamkeit ebenfalls mehr und mehr abdriften. Natürlich muss nicht jeder Agentenfilm im Michael Bay-Stil gemacht sein, allerdings sollte ab und zu auch etwas geschehen, um die – für Spionagestreifen so typische – Spannung aufzubauen. Metz und Steinhauer hätten sich von den Noir-Filmen, die offensichtlich eine Inspiration für „Der Anruf“ waren, ruhig etwas mehr abgucken können: Wenn ein Film schon großteils von den Figuren lebt, müssen diese zumindest interessant sein – und das werden sie nicht allein durch leere Blicke, strenge Mienen und die ein oder andere einsame Träne auf der Wange.

Fazit

Wieder einmal zeigt sich, dass Stimmung allein nicht ausreicht, um die Zuschauer zu unterhalten. Die eigentlich interessante Geschichte und das gekonnt dargestellte Setting ersetzen letztendlich nicht eine glaubhafte Beziehung und einen spannenden Dialog. Janus Metz hätte das Potential des Buches möglicherweise mit einem besseren Skript eher ausschöpfen können, doch auch wenn die einzelnen Details sich vielversprechenden nach und nach preisgeben, so ist „Der Anruf“ am Ende bedauerlicherweise vor allem eines: langweilig.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

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Bild: (c) Amazon Prime