New York im Jahr 1980: Paul (Banks Repeta) ist das jüngste Mitglied einer gut situierten jüdischen Familie. Doch zwischen seiner viel beschäftigten Mutter Esther (Anne Hathaway), seinem etwas einfältigen und strengen Vater Irving (Jeremy Strong) und seinem älteren Bruder Ted fühlt er sich oft einsam und verloren. Allein sein liebevoller Großvater Aaron (Anthony Hopkins) scheint ihn wirklich zu verstehen und seine Interessen (zuallererst: malen) zu fördern.

von Christian Klosz

Pauls Eltern gefällt seine kreative Ader und seine Fantasie, die sich in der Schule auch als Unaufmerksamkeit ausdrückt, immer weniger, sie hätten gern einen „braven Jungen“, der seine Leistung bringt und sonst nichts von sich hören lässt. Mit seinem schwarzen Schulfreund Jonathan kommt Paul immer wieder in Schwierigkeiten, bis seine Eltern entscheiden, ihn auch in die strenge Privatschule seines Bruders zu schicken: Paul soll sich anpassen und Regeln und Disziplin lernen. Neben seinen persönlichen Kämpfen im Innen und Außen wird Paul langsam auch bewusst, dass es gesellschaftliche Regeln gibt, die einschränken, sowohl ihn, als auch seinen Kumpel Jonathan, der es aufgrund seiner Herkunft und Hautfarbe noch einmal um einiges schwieriger hat, seinen Platz in der Gesellschaft und persönliche Freiheit zu finden.

James Gray erzählt in „Armageddon Time“ (deutscher Titel: „Zeiten des Umbruchs“) sehr nuanciert auch sein eigenes Aufwachsen im Amerika der frühen 1980er: Eine andere Zeit, fraglos hoffnungsvoller als die Gegenwart, aber mit ihren eigenen Regeln, Gesetzen, Zwängen, die teils universell sind, teils auf die spezifischen Bedingungen der USA zurückzuführen.

Der rund zehnjährige Paul ist ein kreativer und sensibler Freigeist, der die Welt – und sich selbst – entdecken will. In seiner „public school“ ist er an sich recht zufrieden, er schätzt die relative Freiheit und die Möglichkeit, Regeln auszutesten und sich auszuprobieren. Mit Jonathan findet er einen Freund und partner in crime, im übertragenden Sinn und wortwörtlich, die beiden sind auf der gleichen Wellenlänge, doch der rebellische Junge bringt Paul auch in Schwierigkeiten (etwa wegen eines am Klo gerauchten Joints).

Zuhause fehlt Paul diese Freiheit zunehmend: Sein Großvater (erneut preiswürdig: Anthony Hopkins) versteht und fördert ihn, seiner Eltern jedoch haben immer weniger Verständnis für seine „Eskapaden“ in der Schule, die eigentlich keine sind, sondern vielmehr normaler Ausdruck von Rebellion und Suchbewegungen, um sich in der Gesellschaft zu verorten. Vor allem sein etwas einfältiger Vater lässt lieber der Gürtel und Schläge sprechen, als Worte oder Akzeptanz. Pauls Familie ist das Paradebeispiel eine halbwegs gut situierten (upper) middle class-Familie, einer post-Einwanderergeneration (seine Urgroßeltern waren aus Osteuropa geflüchtet), die sich durch harte Arbeit ihren Status in der amerikanischen Gesellschaft erarbeitet hat. Und ihn nun bewahren und verteidigen möchte. Instrumente dazu sind Disziplin, Ordnung, ein gewisses Klassenbewusstsein und nicht gerade billige Privatschulen, die die zukünftige „Elite“ des Landes formen sollen. Zufrieden mit all dem ist Paul nicht – er möchte seinem Ideal folgen und Künstler werden.

Auf der anderen Seite findet sich Jonathan, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, bei seiner kranken Großmutter lebt und ständig von allen (direkt oder indirekt) gesagt bekommt, was er dürfen darf, und was nicht. Neben sozialen Faktoren spielen auch subtile Überbleibsel von Rassismus eine Rolle in seiner Realität. Er ist – ebenso wie Paul – gesellschaftlichen und sozialen Zwängen ausgesetzt, allerdings auf andere Art und Weise. Während Paul sein Privileg genießen soll, das ihm sein Umfeld bietet, das er aber in erster Linie als einschränkenden Zwang wahrnimmt, wünscht sich Jonathan dieses Privileg, während er in seinen Entscheidungen freier ist – er hat nichts zu verteidigen und zu verlieren. Unglücklich mit ihrer Situation sind aber letztlich beide.

„Armageddon Time“ ist ein nuanciertes Gesellschaftsporträt, das die Strukturen, Schnittstellen, Reibeflächen von „Klasse“ und „Rasse“ darstellt. Gray erzählt darin von sichtbaren und unsichtbaren Zwängen, ohne plakativ oder plump zu werden. Angesichts offenkundig werdender Ungerechtigkeiten in Bezug auf Pauls Kumpel Jonathan wünscht man sich als Zuschauer, dass Paul anders handeln würde, sich für seinen Freund, der sonst niemanden hat, mehr einsetzen, für ihn aufstehen würde, wie es ihm sein Großvater vor seinem Tod mitgegeben hatte. Doch Paul findet sich selbst zwischen von seinen Eltern ausgehenden Zwängen und Erwartungen wieder, die ihm eine freie Entfaltung ebenso erschweren. Diese realistische Darstellung ist fraglos der große Pluspunkt dieser amerikanischen Erzählung.

Neben einer ansprechenden Stilistik und einem guten Drehbuch sind es die Darstellerleistungen, die „Armageddon Time“ auszeichnen: Banks Repeta als Paul ist eine wahre Entdeckung, sein zurückgenommenes, subtiles Spiel ist für einen Jungdarsteller dieses Alters bemerkenswert. Auf der anderen Seite brilliert Anthony Hopkins – erneut – als Pauls Großvater, ein durch und durch guter und bemerkenswerter Mann, der die Familie zusammenhält und Paul Vorbild und Orientierungspunkt ist: Wären die Oscars noch von Relevanz, man müsste diesem großen Film-Idol einen weiteren Preis wünschen.

Fazit:

„Armageddon Time“ ist ein nuanciertes US-Drama und Gesellschaftsporträt, das mehr Fragen aufwirft, als es Antworten gibt. Ein Film der Zwischentöne, überzeugend inszeniert und gespielt, aber am Ende vielleicht etwas zu bieder und brav, um das Zeug zum Klassiker zu haben. Seit 24.11. im Kino.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

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Bild: (c) UPI