Ebenso wie bei seiner Körpergröße gehen auch die Angaben über die letzten Worte Napoleons, je nach Quelle, deutlich auseinander. Dem allgemeinen Glauben nach waren es aber „Frankreich. Armee. Josephine.“ Drei zentrale Themen, die Ridley Scott in seiner Verfilmung des Lebens Napoleon Bonapartes in den Fokus stellt, genauer gesagt stellen will, da die Kinofassung mit rund zweieinhalb Stunden nur bedingt für eine detaillierte Auseinandersetzung reicht. Warum der mehr als vierstündige Directors Cut für Apple TV+ zurückgehalten wird? Auch dazu gibt es verschiedene Aussagen. Einerseits sei die Version zum Kinostart einfach noch nicht fertig gewesen – andere wiederum behaupten man wolle das Kinopublikum nicht überfordern.
von Cliff Lina
So werden wir nun also Zeuge von Geschichte, bei dem die Erzählung permanent auf die Vorspultaste zu drücken scheint. Beginnend mit der französischen Revolution, beziehungsweise einer Texttafel und der Enthauptung Marie Antoinettes, steigt ein unscheinbarer Mann korsischer Abstammung schnell zum bewunderten Anführer auf, der nicht nur Mitstreiter, sondern auch das Volk hinter sich versammelt und innerhalb weniger Jahre viele Menschen auf das Schlachtfeld – und leider auch in den Tod führt. Den Verlusten zum Trotz kämpft und intrigiert sich Napoleon bis nach Paris, wo er in Notre-Damme den übergroßen Hut gegen die Kaiserkrone tauscht. Stets an seiner Seite: Seine geliebte Josephine, die fortan als Kaiserin durch das Leben geht.

Damit hat Scott relativ schnell alle Motive eingeführt. Napoleons Liebe für Frankreich, die Liebe der Armee zu Napoleon und die Liebe zwischen ihm und Josephine, womit gleichzeitig auch das größte Problem des Films aufmarschiert: Nichts von all dem wird wirklich greifbar. Napoleon selbst lernen wir im Erwachsenenalter kennen. Kindheit und Ausbildung, prägende Stationen für Charakter und Laufbahn, werden schlichtweg nicht thematisiert. Seine daraus resultierende Liebe für das Vaterland wird lediglich sprachlich benannt, aber nie erklärt. Warum so viele Menschen an den Lippen des Generals hingen, ihm blindlings in den Tod folgten und auch nach diversen Rückschlägen immer wieder an seine Seite zurückkehrten, ist ein Rätsel. Die rhetorischen und taktischen Fähigkeiten, die Napoleon unbestreitbar besessen haben muss, bleiben im Dunkeln. Stattdessen steht er seltsam grunzend hinter seiner Frau, wenn es ihm nach Beischlaf verlangt, und auch nach sexuellen Fehltritten ebenjener Frau kehrt Napoleon bereitwillig zu ihr zurück – und macht sich damit zum öffentlichen Gespött. Dass er selber ebenfalls diverse Affären hatte, blendet Scott kurzerhand aus um sein ganz persönliches Bild zu zeichnen, das eher in Richtung Witzfigur als in Richtung wortgewandter Tyrann tendiert.
Generell wird viel Zeit darin investiert das Liebesleben zu ergründen, Schlachten und entscheidende politische Ereignisse werden nur am Rande visualisiert – oder im Falle der bekannten Schlacht um Waterloo – übersprungen. Dadurch wird eine enorme Hürde aufgebaut, die sich nur durch grundlegendes Vorwissen überwinden lässt. Anderenfalls wirken die Begriffe wie „Staatsstreich“ oder „Kaiserkrönung“ wie die Wortmeldung eines Schülers, der ausnahmslos Schlagworte in den Unterricht ruft um nicht in Vergessenheit zu geraten. Es wird deutlich, dass die gekürzte Zeit nicht von Vorteil ist und Scott, ebenso wie es ein Martin Scorsese praktiziert, auf seine Version hätte bestehen sollen. So muss die Zuschauerschaft einige Abstriche machen was Nachvollziehbarkeit und Immersion angeht, erlebt aber bei allen Schwächen sehr kurzweilige zweieinhalb Stunden, was unweigerlich am Talent des Regisseurs liegt. Scott versteht es auch im hohen Alter seine Filme handwerklich auf höchstem Niveau zu kreieren. Nicht nur, dass er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, weitestgehend auf CGI verzichtet und seine Schlachten dementsprechend aufwendig und authentisch daherkommen, auch sein Gespür für einprägsame Bilder und Erzählfluss ist so stark wie eh und je.
Mit Joaquin Phoenix und Vanessa Kirby konnte der Brite zwei Akteure für den Film gewinnen, die bereitwillig die Vision umsetzen und brillant aufspielen. Gerade weil Scotts Version des Generals teilweise ins Absurde abgleitet, kann Phoenix sein Talent ausspielen und erinnert bisweilen an Beau, den Protagonisten seines letzten Films „Beau is afraid“. Kirby dagegen interpretiert ihre Rolle vorrangig mit Ernsthaftigkeit, wechselt gekonnt vom manipulativen Weibsstück zur betrogenen Ehefrau und wieder zurück. Körpersprache und Mimik sind stets auf den Punkt, und gerade im Zusammenspiel ergeben sich eindringliche Momente, die dafür sorgen, dass die Beziehung der beiden noch am ehesten als Ankerpunkt der Story funktioniert. Auch wenn bis zum Ende nicht wirklich verständlich ist, was beide überhaupt aneinander finden. Aber so ist das eben mit der Liebe, und vielleicht hat der Directors Cut dann all die Antworten, die die Kinoversion leider größtenteils vermissen lässt.

Fazit
Irgendwo in „Napoleon“ versteckt sich ein interessantes Biopic über einen der bekanntesten Feldherren der Geschichte, die Faszination für die Person desertiert in Ridley Scotts deutlich gekürzter Kinofassung allerdings schon vor dem ersten Kanonenschlag. Weder sein taktisches Geschick auf dem Schlachtfeld, noch sein Einfluss auf die Bevölkerung werden greifbar, lediglich die Tyrannei gegenüber seiner Josephine wird halbwegs nachvollziehbar bebildert. Das ist bedauerlich, vor allem weil die großen Bilder einen tollen Rahmen setzen. Statt einer ebenso großen Erzählung werden wir jedoch Zeuge von Geschichtsunterricht im Zeitraffer, die der Dramatik weitestgehend nicht gerecht wird.
Bewertung
(61/100)
Bilder: ©Sony Pictures/AppleTV

Na dann warte ich besser auf den Directors Cut auf AppleTV…
Anschauen wollen wir uns den auch noch.