von Christian Klosz
Unter der goldenen Sonne über den labyrinthartigen Straßen Beiruts fliegen jeden Abend Schwärme von Tauben verschiedenster Gattungen aus ihren Käfigen. Ihr Flug folgt der Choreografie einer jahrhundertealten Tradition: dem Glückspiel “Kash Hamam”. Jeder Spieler besitzt einen Schwarm und lässt seine Tauben über seinem Haus kreisen, in der Hoffnung, die Tauben der Nachbarn auf sein eigenes Dach zu locken. Wenn eine gegnerische Taube auf einem anderen Dach landet, wird sie eingefangen, und somit der eigene Spielschwarm vergrößert. Das ist ein “Kash”.
Der Dokumentarfilm „Kash Kash“ begleitet mehrere Taubensammler und -spieler bei ihrer Leidenschaft, die Obsession, Liebe und Ablenkung in einem ist: Denn die Stadt, das ganze Land Libanon gleitet immer tiefer in eine ökonomische Krise, die sich auf Preise von Lebensmitteln, aber auch auf die Kosten für das immer teurer werdende Hobby niederschlägt. Der Film beobachtet den Konflikt einer Stadt im Umschwung aus der Perspektive seiner Bewohner, denen zunehmend nur noch ihre geliebten gefiederten Freunde Stabilität geben. Umso mehr, als sich die Wut der Bevölkerung auf der Straße in riesigen Protesten entlädt und eine massive Explosion am Hafen die ganze Stadt in Schrecken hält.
„Kash Kash“ – Taubenzüchten als Lebenselixier
Debütregisseurin Lea Najjar – zwar in Wien geboren, aber in Beirut aufgewachsen und dort zur Uni gegangen – gelingt mit „Kash Kash“ ein liebevolles und zugleich faszinierendes Porträt einer Stadt und seiner Menschen. Der Film handelt auch davon, was es heißt, in einer feindlichen, immer unerträglicher werdenden Umgebung und Umwelt zu (über)leben und trotz allem nicht die Hoffnung zu verlieren.
Faszinierend ist der Film, weil er detaillierte Einblicke in ein in unseren Breiten völlig unbekanntes Spiel, eine uralte, arabische Tradition gibt: Die Taubenspieler sind die Herren über die Dächer Beiruts, ihre Tauben die Herrscher des Himmels darüber. Es ist berührend, mit welcher Leidenschaft, Liebe, Verbissenheit sie zu Werke gehen, mit welcher Sorgfalt sie sich um ihre tierischen Freunde kümmern, wie ernst manche von ihnen dieses zum Lebensinhalt und -sinn gewordene Spiel nehmen. An einer Stelle darf einer der Taubenspieler erklären, dass sein Hobby „wie eine Sucht“ sei, das einzige ist, das ihn von dem Leid und der Perspektivenlosigkeit rundherum ablenkt.
Ein Land im Umbruch: Der Traum vom vereinten Libanon
„Kash Kash“ handelt aber nicht nur vom Taubensammeln und -fliegen, sondern gibt auch intime Einblicke in eine Stadt, ein Land im Umbruch, in tiefster Krise. Dieser Aspekt tritt allerdings erst nach der Hälfte der Laufzeit schrittweise in den Vordergrund. Der Film behandelt folglich nicht die Hintergründe dieser Entwicklung, die Geschichte, die politische Tektonik der Region, sondern die Frage, inwiefern sich Krise auf die Menschen, ihren Alltag, ihre Familien auswirken, aber auch wie die alte Tradition des Kash selbst ein Faktor bei den Protesten in Beiruts Straßen wird: Ein Spieler darf dort TV-Kameras ein emotionales, mitreißendes Interview geben, wo er einen Taubenschwarm mit unterschiedlichen Gattungen, der dennoch in eine Richtung fliegt als Symbol für einen toleranten, vielfältigen, aber vereinten Libanon vorgibt, von dem er und viele andere träumten.
Fazit
Ein bemerkenswerter Debütfilm mit faszinierendem, exzentrischem Sujet, „exotisch“, aber nie exotisierend, sondern interessiert und einfühlsam, porträtiert er gleichermaßen Verzweiflung wie Hoffnung einer Stadt, eines Landes und seiner Bewohner. Eine beeindruckend immersive, kleine Perle des rezenten (deutschen) Dokumentarfilms. Jetzt im Kino (Deutschland)
Bewertung
(84/100)

Bilder: (c) Camino Filmverleih
