Dem allgemeinen Aberglauben nach ist Freitag der 13. seit jeher ein Tag, an dem mit Unglücken und Unfällen zu rechnen ist. Für 40 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder einer uruguayischen Chartermaschine gerät jedoch ein Donnerstag zum Tag, den sie nie wieder vergessen werden. Auf dem Weg nach Chile gerät das Flugzeug in Turbulenzen, sodass die Maschine am 13. Oktober 1972 in den Anden abstürzt. Als Suchtrupps die schwierige Suche im verschneiten Terrain nach kurzer Zeit abbrechen, gerät der Überlebenskampf zur unvorstellbaren Zerreißprobe.

von Cliff Lina

Mit Juan Antonio Garcia Bayona wurde „Die Schneegesellschaft“ von einem Regisseur inszeniert, der mit „Sieben Minuten nach Mitternacht“ oder auch „The Impossible“ bereits Erfahrung mit emotionalen Stoffen sammeln konnte und sich nun also einem realen Unglück widmet, das einst ein ganzes Land mit seinen Wendungen in Atem hielt. Der spanische Oscarbeitrag basiert dabei auf einem Roman von Pablo Vierci, einem guten Freund und Schulkamerad vieler Beteiligten. Die filmische Adaption greift die Erzählweise auf, schildert die Geschehnisse aber direkt aus der Sicht eines Passagiers.

Besonders in der ersten Hälfte überrascht der Film dabei mit kreativen Momenten, zeigt beispielsweise den Moment der Katastrophe aus einem ungewohnten und deshalb packenden Kamerawinkel und verschont seiner Zuschauerschaft nicht vor Szenen, die wortwörtlich durch Mark und Bein gehen. Durch extreme close-ups und spärliche Beleuchtung, abgesehen vom blendend weißen Schnee außerhalb des Wracks, erzeugt „Die Schneegesellschaft“ eine bedrohliche, ja fast klaustrophobische Atmosphäre, die uns als Zuschauer am Überlebenskampf teilhaben lässt. Dieser zeichnet sich, genretypisch, vor allem durch seine verschiedenen Charaktere ab, die immer wieder in moralische Dilemma schlittern und sich in bester „Der Herr der Fliegen“ Manier zu schwierigen Entscheidungen durchringen müssen. Anfänglich besteht das große Ziel eher darin nicht zu erfrieren, nach mehreren Wochen gerät aber auch die Nahrungsbeschaffung in den Fokus und fördert bizarre, wenngleich verständliche Ideen zu Tage.

Stilistisch verweilt das Werk in erwartbaren Gefilden. Die überschaubaren Schauplätze der Handlung bieten wenig Raum zur Entfaltung, technisch versetzt „Die Schneegesellschaft“ keine Berge. Die genutzten Effekte sind ordentlich, man hat einen Flugzeugabsturz oder Verletzungen jedoch schon imposanter gesehen. Die große Stärke liegt derweil in der Ensembleleistung der Protagonisten. Auch wenn es ob der Hektik und gewollten Unübersichtlichkeit schwerfällt sich Namen oder Gesichter langfristig zu merken, überzeugen die Akteure mit einer authentischen Leidensfähigkeit und einer sich für sie entwickelnden Sympathie. Auf ausladende Streitgespräche wird verzichtet, stattdessen wird größtenteils gemeinschaftlich nach Lösungen gesucht. Wie realistisch diese Abbildung ist, darf letztlich gerne diskutiert werden. Dem Drehbuch kommt es allerdings spürbar zugute, weil die Herausforderung durch die brutale Natur nochmal mehr ins Zentrum rückt.

Schade nur, dass der Film in der zweiten Hälfte anfängt gehetzt zu wirken. Zeiträume werden ohne große Erklärungen übersprungen, zentrale Leitfragen übergangen. Temperaturen werden unterschlagen, wie zum Beispiel abgestorbene Gliedmaßen offensichtlich vermieden wurden, muss mit Phantasie beantwortet werden. Für Laien ist die Geschichte somit nochmal unglaublicher, als informative Dokumentation taugt die Adaption nur bedingt. Was in der ersten Stunde dramaturgisch packend ist und nicht mit Spannung geizt, verkommt gegen Ende dann zu einer repetitiven Inszenierung am Rande der Langeweile. Mit knapp zweieinhalb Stunden ist Bayonas Werk deutlich zu lang, schleppt sich vor allem für Leute, die den Ausgang kennen, mühsam ins Ziel und verpasst es auch gegen Ende nochmal die Brücke zu den realen Personen zu schlagen. Einzig diverse eingeblendete Fotos werden präsentiert, wobei vergleichbare Werke mit originalen Ton- oder Videoaufnahmen gezeigt haben, wie eine angemessene Verbeugung funktionieren kann.

Fazit

Ein tragischer Flugzeugabsturz bringt die überlebenden Passagiere in „Die Schneegesellschaft“ an körperliche, aber auch mentale Grenzen und darüber hinaus. Eine vor allem in der ersten Hälfte intensiv und bedrückend inszenierte Geschichte, die mit hervorragender Kameraarbeit für Beklemmung sorgt. Leider zerfasert das Ganze hinten raus aufgrund der Laufzeit zusehends und erreicht nicht mehr die emotionale Wucht des Beginns. Ein Höhenflug mit Turbulenzen.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(68/100)

Bilder: ©Netflix