Seit seinem letzten Langfilm “Wie der Wind sich hebt” (gerade auf Netflix verfügbar) sind zehn Jahre vergangen. Nun aber ist der Großmeister des Anime wieder zurück. “Der Junge und der Reiher”, der neue Film von Hayao Miyazaki, kommt in die Kinos und ist bildgewaltig wie eh und je.

von Richard Potrykus

Die Handlung spielt 1943 während des Pazifikkriegs. Mahito ist ein Junge, der miterleben muss, wie seine Mutter bei einem schweren Brand ums Leben kommt. Einige Zeit später heiratet Mahitos Vater Natsuko, die jüngere Schwester der verstorbenen Mutter, und zieht mit dem Sohn und den Hausbediensteten aufs Land. Mahito, von dem Natsuko verlangt, sie als Mutter anzusprechen, kann sich mit den neuen Umständen so gar nicht anfreunden. Der Verlust ist nach wie vor groß, in der Schule gerät er in eine Schlägerei und zudem ist seine neue Mutter schwanger. Da trifft Mahito auf den titelgebenden Reiher und es stellt sich heraus, dass dieser Reiher sprechen kann.

Und dies ist erst der Anfang. Miyazaki präsentiert eine Reihe von Gegensätzen und Dingen, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen. Der umkämpften Stadt wird der Frieden der Natur gegenübergestellt, der Eleganz und Geradlinigkeit Mahitos und dessen neuer Mutter die Hausangestellten in ihrer comichaften Figürlichkeit und dem Wach sein der Traum.

Wer die Filme Miyazakis kennt, weiß, wie fantasievoll sie sind. Jeder noch so kleine Erscheinung wird soviel mit auf den Weg gegeben, dass man Lust bekommt, mehr darüber zu erfahren. Allerdings dauert es lange, bis die Handlung Fahrt aufnimmt und dann wird das Publikum nicht bei der Hand genommen und behutsam durch den Film geführt. Miyazaki blickt hinter den Horizont in eine Welt, in der Leben und Tod und Jugend und Alter aufeinandertreffen, eine Welt, in der Fische zerlegt werden, um ungeborenen Seelen den Weg in die Existenz zu ermöglichen.

Es mag an Miyazaki selbst liegen, an dessen Alter und Erfahrung, dass “Der Junge und der Reiher” im großen Stil mit dem Thema der Vergänglichkeit arbeitet. Während in “Chihiros Reise ins Zauberland” (ebenfalls auf Netflix verfügbar) noch Familie und Identität im Mittelpunkt standen, also Themen, die zukunftsgerichtet sind, gilt es nun, mit den Verlusten klarzukommen, die alle diese Begriffe mit sich führen.

Wie so oft bei Filmen, ist der deutschsprachige Titel mit Vorsicht zu genießen, und um einen Zugang zu diesem sehr sperrigen Film zu finden, hilft es, sich den Originaltitel vor Augen zu führen. Dieser bedeutet übersetzt in etwa “Wie lebt Ihr?” im Sinne von “Wie wollt Ihr leben?”. Und das ist wohl der Kern dieses Films, der surrealer kaum sein könnte.

Nach und nach entführt Miyazaki die Zuschauer*innen in eine Fantasiewelt, die keine Regeln zu haben scheint. Immer, wenn man glaubt, etwas verstanden zu haben, ändert der Regisseur die Vorzeichen oder kommt mit einem neuen Einfall daher.

Wieder den Vergleich zu “Chihiro” anstellend war es seinerzeit so, dass die Welt rund um das Badhaus zwar wirr und vielseitig, aber auch schlüssig war. Nun jedoch gibt es keinen roten Faden und keine klare Agenda. Nahezu jede Figur entpuppt sich als jemand anderes, es gibt Verweise auf einen Zusammenhang zwischen der Fantasiewelt und der realen Welt, aber kaum eine Antwort auf das Warum und dann kollabiert plötzlich alles, der Raum fällt in sich zusammen und im Geiste reinsten Determinismus gehen alle Figuren die Wege, die ihnen wohl vorbestimmt sind, wodurch das Publikum den Film mit mehr Fragen verlassen kann, als es zu Beginn hatte.

Fazit

Mit einem märchenhaften Abenteuer hat “Der Junge und der Reiher” nicht mehr viel gemeinsam. Der Film ist Miyazais Antwort auf ein Gemälde von Dalí. Der Regisseur präsentiert ein vielleicht unlösbares Arthaus-Puzzle, welches wohl aus mehr Ebenen besteht als narrativ verhandelbar sind. Dennoch und auf jeden Fall ist der Film die Sichtung wert. Miyazaki zeigt, wozu Fantasie in der Lage ist und selten war ein Film mit mehr konkurrierenden und irritierenden Einfällen gefüllt.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

84/100

Richard Potrykus betreibt auch den Blog Celluloid Papers.

Weiterlesen:

Filmanalyse: Kulturkritik und Ökologie in Hayao Miyazakis “Chihiros Reise ins Zauberland”

Bild: (c) Polyfilm