Am 11. Juni startete mit „Titan – Die OceanGate-Katastrophe“ (2025) eine Netflix-Dokumentation über das Unglück des Tiefseetauchboots Titan, das am 18. Juni 2023 beim Versuch, das Wrack der Titanic zu erreichen, implodierte. Alle fünf Passagiere an Bord kamen dabei ums Leben. Ein Film über Hybris, Risiko – und eine vermeidbare Tragödie.
Kritik von Christian Oehmigen
Zunächst galt das Boot als vermisst, nachdem es den Kontakt zum Begleitschiff Polar Prince verloren hatte. Eine groß angelegte Suche begann, begleitet von weltweitem Medienecho. Einige Fernsehsender blendeten sogar eine „Sauerstoffuhr“ ein, die anzeigen sollte, wie viele Stunden den Insassen noch blieben – ein makabres Medienspektakel. Erst am 23. Juni wurde offiziell bestätigt, dass das Boot durch eine Implosion zerstört wurde. Unter den Toten befand sich auch Stockton Rush, CEO von OceanGate – dem Unternehmen, das die Titan konzipiert und gebaut hatte.
Stockton Rush: Der Mann hinter dem OceanGate-Unglück
„Titan – Die OceanGate-Katastrophe“ von Regisseur Mark Monroe nimmt Rushs Geschichte als zentrales Thema. Angefangen bei den TV-Bildern, die um die Welt gingen, springt der Film zurück zu den Anfängen von OceanGate. Weil Rush untrennbar mit seiner Firma verbunden ist, zeichnet die Doku ein sehr persönliches Porträt eines Mannes, der sich als visionär verstand – und sich selbst in eine Reihe mit Elon Musk und Jeff Bezos stellte.
Anfangs nahm er Sicherheitsbedenken durchaus ernst, doch mit wachsendem Größenwahn ignorierte oder bagatellisierte er sie zunehmend. Wer nicht in sein Bild eines mutigen Fortschrittspioniers passte oder ihn kritisch hinterfragte, wurde kurzerhand entlassen, darunter war auch der Technikchef David Lochridge, der früh auf massive Risiken hinwies.
Die Erzählung wechselt zwischen Rückblicken auf die Unternehmensentwicklung und aktuellen Ermittlungen der US-Küstenwache. Zahlreiche ehemalige Mitarbeitende und Expert*innen kommen zu Wort – viele von ihnen hatten frühzeitig Bedenken, insbesondere wegen des Materials, das beim Bau der Titan verwendet wurde. Statt Metall setzte OceanGate auf Kohlefaser, weil leichter, günstiger, aber nie für solche Tiefen zertifiziert.
Besonders eindringlich in „Titan – Die OceanGate-Katastrophe“ sind die Szenen, in denen man hört, wie die Kohlefaser bei Testfahrten knackt, ein Geräusch, das im besten Fall normal ist, im schlimmsten tödlich. Rush reagiert darauf mit einem Lachen. Ein Moment, der für sich spricht. Hier zeichnet sich das Porträt eines Mannes, der von Ruhm und Anerkennung getrieben war – und für beides bereit war, Sicherheitsstandards zu ignorieren.

„Titan – Die OceanGate-Katastrophe“: Viele Stimmen, wenig Struktur
Die Doku überzeugt mit fundierter Recherche und eindrucksvollem Archivmaterial, unter anderem mit internen Gesprächen und Aufnahmen. Besonders die Entlassung des Entwicklungsverantwortlichen David Lochridge, der offen auf Sicherheitsrisiken hinwies, bleibt im Gedächtnis. Allerdings werden zu viele Personen eingeführt, wobei einige kaum den Raum bekommen oder nach ihrer Einführung für lange Zeit nicht mehr auftauchen. Hier hätte man den Fokus besser verteilen und gewisse Nebenstränge straffen können.
Die Tragödie der „Titan“ selbst bleibt eher im Hintergrund. Abgesehen vom bekannten Titanic-Experten Paul-Henry Nargeolet erfährt man kaum etwas über die übrigen Passagiere, weder wer sie waren, noch was sie antrieb. Das nimmt dem Ganzen etwas von der emotionalen Tiefe, die man sich bei so einem Thema eigentlich wünschen würde.
Fazit
„Titan – Die OceanGate-Katastrophe“ ist weniger eine klassische Katastrophendokumentation als vielmehr ein düsteres Porträt eines Mannes, der sich selbst als visionären Pionier sah – und dafür bereit war, das Leben anderer zu riskieren. Die Recherche ist gelungen dargestellt, die Atmosphäre beklemmend. Der Fokus liegt eindeutig auf der Person Stockton Rush und seinem Unternehmen OceanGate. Das ist zwar wichtig, um die Hintergründe der Katastrophe zu verstehen, dennoch hätte eine stärkere Aufarbeitung des eigentlichen Unglücks dem Film gutgetan. Mit einer Laufzeit von 112 Minuten wiederholt sich die Doku stellenweise, insbesondere, wenn es um die Inkompetenz von Rush als CEO geht. Da wäre eine klarere Struktur und etwas Straffung hilfreich gewesen. Eine solide, eindringliche Dokumentation, aber die menschliche Tragödie kommt deutlich zu kurz.
Bewertung
(72/100)
„Titan – Die OceanGate-Katastrophe“ – seit 11.6.2025 auf Netflix.
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Trailer
Bilder: (c) Netflix
