Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

"Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone; the antidote to film is more film."

Allgemein

Weitere unterschätzte Filmperlen der 1990-er (deutsche Version)

Nach den ersten beiden Teilen (Links am Beitragsende) folgt hiermit ein dritter Teil: 6 weitere Filmperlen der 90er, diesem interessanten Jahrzehnt, das durch gut gemachte Blockbuster (die noch ohne CGI und 3D auskommen mussten, und sich dadurch mehr auf qualitatives Story-telling fokussierten) ebenso gekennzeichnet ist wie durch kleine Independent-Produktionen, die diesen Namen wirklich verdienen, und den Anfang des „Indie-Films“ darstellen, der in den frühen 2000-ern seine Hochblüte feierte. In dieser kleinen Sammlung liegt der Schwerpunkt ebenso auf diesen kleinen Filmen, wie auf unbekannteren Werken von großen und bekannten Regisseuren wie Clint Eastwood und Ron Howard.

6. „Dave“ – Ivan Reitman 12-kline-dave.jpg

Reitman ist einer der unterschätzen Komödien-Genies Hollywoods. Der Slowake hatte seinen großen Durchbruch mit „Ghostbusters“, inszenierte aber auch einige warmherzige Komödien wie „Twins“ oder „Junior“. „Dave“ aus der Mitte des Jahrzehnts ist einer seiner „kompaktesten“ Filme. Er dreht sich um Dave, einen eher zweitklassigen Imitator, der kurzerhand vom Weißen Haus engagiert wird, den US-Präsidenten als Doppelgänger zu imitieren, der gerade im Koma liegt.

Neben guten Dialogen und witzigen Einlagen bietet der Film einen interessanten Blick hinter die Kulissen, diese surreale Situation ist, no-na, Grundlage jeder Menge irrwitziger Situationen, wie zum Beispiel als der Ehefrau des Präsidenten plötzlich Zweifel kommen, ob ihr Gatte nicht „ein anderer“ ist, da er so nett und charmant auftritt.
Passend besetzt mit Kevin Kline, Sigourney Weaver und reich an bewegenden und witzigen Szenen.

5. „True Crime“ – Clint Eastwood

Dieser Mann scheint keine schlechten Filme machen zu können: „True Crime“ verbindet Thrill mit einem ernsten Thema, nämlich Sinn und Unsinn der Todesstrafe, und die Lücken des Systems. Eastwood selbst spielt Steve Everett, einen alternden Reporter, der eher widerwillig beauftragt wird, ein Interview mit einem „Todeskandidaten“ zu führen, der auf seine Hinrichtung wartet. Frank Beechum beteuerte, unschuldig zu sein, die Wachleute und Juristen meinen, das „sagen doch alle“. Doch Everett spürt, dass hier etwas nicht stimmt, und begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit: Hat hier das System versagt?

Neben Eastwood selbst brillieren Isaiah Washington und James Woods in Nebenrollen in diesen spannenden Polit-Thriller, der entgegen der Tradition des Genres mit einem Happy-End aufwarten kann.

4. „Ed TV“ – Ron Howard
Ron Howard ist, vielleicht neben Steven Spielberg, der wichtigste Unterhaltungsfilm-Regisseur Hollywoods. In den letzten Jahrzehnten machte er dutzende Kassenschlager wie „Apollo 13“, „A beautiful mind“ oder die „Illuminati“-Serie, die vielmals zu echten Klassikern wurde. Einer seiner besten Werke allerdings ist ein für Howard-Verhältnisse eher kleiner Film, „Ed TV“, eine amüsante und clevere Medien- Satire, die den Reality-TV-Wahn der späten 90-er aufs Korn nimmt.

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Matthew MacConaughey, hier zu sehen in einer seiner inzwischen raren Komödien-Rollen, spielt Ed, einen typische amerikanischen „guy next door“, der durch die Teilnahme an einer Reality-TV-Show über Nacht berühmt wird. Das alltägliche Leben von Ed, voller kleinerer und größerer Dramen, fasziniert ganz TV-Amerika, doch langsam werden auch die Schattenseiten des Ruhms sichtbar. Howard schuf mit „EdTv“ eine kluge Filmsatire, die ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, und neben dem Hauptdarsteller auch in den Nebenrollen mit Woody Harrelson und Jenny Elfman sehr gut besetzt ist.

3. „Last Man Standing“ – Walter HillMV5BMTQ3MzI1MTEzMV5BMl5BanBnXkFtZTcwOTQzNzc0NA@@._V1_SY1000_CR0,0,1463,1000_AL_ (1).jpg
Walter Hill ist der Mann des US-Kinos für machoistische Action-Reißer, die meist durch ökonomische Regie und hochstilisierte Szenen gekennzeichnet sind; ein „Mann fürs Grobe“, ein Dokumentarist des männlichen amerikanischen Egos und der dunklen, schäbigen Seite des Landes. In den 90-er veröffentlichte er unter anderem „Last Man Standing“, ein knochentrockenes Meisterwerk minimalistischen Filmemachens, und Remake vom Leone-Klassiker „For a fistful of Dollars“. Bruce Willis erweist sich als Top-Besetzung des wortkargen „Nobody“, der in einem Western-Kaff ordentlich aufräumt, und die rivalisierenden Gangs gegeneinander ausspielt. Stilistischer Augenschmaus, inszenatorisch noch knapper als Hills Klassiker „The Driver“, versehen mit einem exquisiten Soundtrack von Ry Cooder. Sehenswert.

2. „Buffalo 66“ – Vincent Gallo

Eine der stilbildenden Independent-Produktionen der 90er: Autor-Regisseur-Darsteller und Genie-Mastermind Vincent Gallo fabriziert mit „Buffalo 66“ ein kleiner, schräges und bewegendes Meisterwerk des Underground-Films mit nahezu surrealistischen Qualitäten, das, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, mit einem unverhofften „Happy End“ aufwarten kann. Hervorragend besetzt, genial gespielt, voller höchst kreativer Regie-Einfälle, meisterhaft inszeniert; schade, dass Gallo sich nach dem follow-up „Brown Bunny“ weitgehend aus dem Filmbusiness zurückgezogen hat, er würde das zeitgenössische US-Kino als widerborstiger Geist und widerständiger Filmemacher definitiv bereichern.

1. „Crash“ – David Cronenberg
Mit „Crash“ schuf er 1996 einen der kontroversesten und verstörendsten Filme der 90-er: Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen und nicht minder verstörenden Roman von J.G. Ballard. „Crash“ widmet sich einer fiktiven Subkultur, die die perverse Faszination von Autounfällen eint, die sexuell aufgeladen werden. Im Zentrum steht dabei der selbsternannte „Prophet“ Vaughn (Elias Koteas), der im Ineinander-Schieben von Körpern und Autos (bei willentlich herbeigeführten Unfällen) eine „wohlwollende Psychopathologie“ erkannt haben will.

Ein Filmproduzent (Spader) wird zuerst selbst Opfer eines Autounfalls, und erhält dadurch Zugang zu dieser kranken Sekte. Die pervers-sexuelle Faszination von Sex mit Autos und von Autos deformierten Körpern ergreift auch Besitz von ihm.

„Crash“ ist eine typisch verstörende, melancholische Cronenberg-Ballade: abseitig und intellektuell fordernd. Unterhaltsam ist der Film nicht, eher morbid-faszinierend. Man tut sich bisweilen schwer, hinzusehen – wegschauen kann man aber auch nicht. Wer also auf leichte Kino-Kost steht: Finger weg. Wer von einem Film mehr erwartet, als intellektuelle Zerstreuung, ist hier genau richtig.

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Teil 1 & 2 der Liste: 15 unterschätzte Filme der 1990-er / 15 most underrated movies of he 1990´s (1)

15 unterschätzte Filme der 1990-er / 15 most underrated movies of the 1990´s (2)

english version:

more underrated movies of the 1990´s

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