Als eine junge Studentin in der Universitätsbibliothek umkippt, deutet alles auf einen epileptischen Anfall hin. In der Folge erlebt die streng christlich erzogene Thelma allerdings in immer kürzeren Abständen nahezu paranormale Situationen, die sich niemand so recht erklären kann. Darunter leidet nicht nur sie selber und ihre Familie, sondern vor allem die Liaison mit Anja, einer Studienkollegin. Nach und nach erforscht Thelma die Gründe ihrer Anfälle, und stößt dabei auf ein dunkles Familiengeheimnis.

„Thelma“ ist das neueste Werk des norwegischen Regisseurs Joachim Trier, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, und hat eine Laufzeit von 116 Minuten . Der Genremix aus Mystery-Thriller, Sci-Fi und Drama mit leichtem Horroreinschlag feierte am 10. September 2017 im Rahmen des Toronto Film Festivals seine Premiere und ist seit dem 22. März in ausgewählten Kinos zu sehen. Der Film wurde als Nominierungskandidat in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ für die Oscarverleihung 2018 eingereicht, schaffte es letztlich aber nicht unter die Besten.

thelma-3.jpg

In der ersten Hälfte nimmt sich „Thelma“ enorm viel Zeit, um die Charaktere, deren Geschichte und Beziehungen zueinander einzuführen. Abgesehen von einer dramatischen Eröffnungsszene erinnert das Ganze in mancherlei Hinsicht mehr an eine Coming-of-Age-Story als an einen Thriller. Glücklicherweise werden aber immer wieder traumartige und von Symbolismus durchzogene Sequenzen eingestreut, die, wenn der Film in zu seichtes Fahrwasser abgleitet, als Wachmacher fungieren und die Spannung trotz ruhigen Tempos aufrechterhalten.

Schauspielerisch wissen alle Beteiligten zu überzeugen. Insbesondere die junge Elli Harboe spielt sich in ihrer Rolle als Thelma in den Vordergrund und wirkt zu jeder Zeit authentisch. So schafft sie es, den Zuschauer mitzureißen und eine emotionale Bindung entstehen zu lassen. Egal ob sie leidet, sich freut oder an sich zweifelt: die Emotion überträgt sich direkt auf das Publikum. Das liegt, neben der schauspielerischen Leistung, auch am gelungenen Soundtrack, der mal treibend, mal hypnotisierend daherkommt und die jeweilige Stimmung sehr schön unterstreicht.

Circa ab der Hälfte des Films wird das Tempo etwas angezogen und der düstere Unterton, der die ganze Zeit spürbar, aber nicht recht greifbar ist, wird lauter. Leider wird in dieser Phase zu schnell zu viel preisgegeben, sodass die letztliche Auflösung dann keine allzu große Überraschung mehr birgt. Was allerdings sehr positiv ins Gewicht fällt, ist, dass kein typisches „Hollywood-Ende“ serviert wird. Hier hätte es aber durchaus noch etwas mehr Biss sein können.

Zusammengefasst bietet „Thelma“ eine gelungene und gut inszenierte Mischung verschiedener Genres, die in weiten Teilen gut funktioniert. An manchen Stellen hätte etwas mehr Mut dem Film gutgetan, denn gerade im Hinblick auf die Laufzeit entstehen einige Längen, die durchaus vermeidbar gewesen wären. Wer sich auf das Tempo einlassen kann, bekommt mit dem norwegischen Genrevertreter aber insgesamt einen interessanten Thriller zu sehen, der zwar nicht frei von Schwächen, aber trotzdem einen Besuch im Kino wert ist.

von Cliff Brockerhoff / https://www.instagram.com/man_of_steelbook/

20171025105330329075.jpg

könnte interessant sein:

„Veronica“ (2017) – Kritik

„Killer Joe“ (2011) – William Friedkin ∫ Kritik

 

Advertisements