Paul Verhoeven wurde auf dieser Seite schon des öfteren gehuldigt: Nicht nur hier, sondern überhaupt wurden und werden seine Filme in den letzten Jahren wiederentdeckt, nicht selten mit dem Resultat einer veränderten Rezeption. Zur Entstehungszeit – vor Allem betrifft das Verhoevens Hollywood-Filme der 90-er – wurde seinen Werken oft Oberflächlichkeit vorgeworfen, fehlende Tiefe und Tendenz zu plakativen Effekten. Offenbar musste es an die 20 Jahre dauern, bis erkannt werden konnte, dass meistens mehr unter den glatten Oberflächen steckt, als es auf den ersten Blick schien.

„Basic Instinct“ war schon 1992 ein Welterfolg – und ein Skandalfilm. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Hollywood-Filme der 90-er, und einer der prägendsten Thriller aller Zeiten, der gekonnt mit Genre-Regeln spielt, sie bricht, pervertiert, und dem Zuschauer permanent den (doppelten) Boden unter den Füßen wegzieht. Wie Sharon Stone als ultimative femme fatale Michael Douglas führt uns Verhoeven nicht nur aufs Glatteis, sondern zertrümmert dasselbe schlussendlich mit dem inszenatorischen Eispickel, sodass das furiose Finale einem Fall ins Leere gleichkommt.

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Nick Curran (Douglas) hätte es wissen müssen: Als ein steinreicher Rockstar tot in dessen Wohnung aufgefunden wird – während dem Sex mit einem Eispickel zerlöchert – fällt der Verdacht auf Catherine Tramell (Stone), die Freundin. Sie meint, sie hätte den Rocker „nur gefickt“, ein bisschen leid tut es ihr schon um ihn – doch mit dem Mord hat sie nichts zu tun. Nicks Cop-Kollegen glauben ihr, doch der starrköpfige Curran ist fasziniert von der eiskalten Blondine, und lässt sich auf ein gefährliches Spiel mit ihr ein. Immer tiefer gerät er in den selbst verschuldeten Strudel aus Sex, Begierde, Obsession und Gewalt, der seinen Blick immer weiter trübt. Als schließlich weitere Leichen auftauchen, stellt sich nur mehr eine Frage: Kommt der Täter ungeschoren davon – und wer überhaupt ist der Täter?

„Basic Instinct“ fordert den Zuseher zu jeder Sekunde: Spiegelungen und Doppelungen an jeder Ecke, der Noir-Plot nur oberflächlich geradlinig (doch tatsächlich arg schlingernd), Hitchcock-Referenzen und De Palma-Bezüge zur Genüge; Verhoeven spielt sich mit seinem Publikum, leitet es in die Irre (ganz so wie seine Protagonistin Catherine Tramell den Nick Curran), um es am Ende relativ ratlos zurück zu lassen. Erlösung gibt es sowieso keine, nur immer weitere Verstrickungen, hier gibt es aber nichtmal eine echte Auflösung: Man kann sich zwar seine Erklärung zurechtlegen – doch wirklich sicher kann man sich nicht sein. Man muss davon ausgehen, dass das Absicht ist: Verhoeven liebt es, sein Publikum zu verführen und in die Irre zu führen, darin liegt die größte Kunst von „Basic Instinct“. Der Film funktioniert aber ebenso als klassischer Genre-Film, als Neo-Noir, als Mainstream-Thriller, der pervers gut unterhält. Verhoeven war schon immer der Meister des intelligenten, erst auf den zweiten Blick tiefgründigen Hollywood-Kinos.

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1992; Basic Instinct. Credit: Photo by CAROLCO/ZUMA Press

Skandalträchtiges wie die berühmte Verhör-Szene, bei der Sharon Stones Vagina für Sekunden klarer sichtbar ist als sonst irgendetwas den ganzen Film über, bleibt am Ende doch nur eine Randnotiz: Vor allem ist „Basic Instinct“ ein kluger, fieser, dabei höchst unterhaltsamer und toll inszenierter Thriller, der überraschenderweise mit jeder Sichtung besser wird. Mutiges, eigenständiges Kino, das sich etwas traut, dabei direkt aus dem Zentrum Hollywood in die Filmwelt geworfen: Heute eine Seltenheit.

von Christian Klosz