Sommerferien. Pornohefte im Baumhaus angucken, heimlich Schnaps trinken, Mamas Auto klauen und auf das große Abenteuer warten – wer da nicht auf Zeitreise in seine eigene Vergangenheit fliegt, hat einiges nachzuholen.

Ipswich, Cape May County, ist ein verschlafenes Nest, in dem die Nachbarn sich noch mit Namen kennen und man bei offener Haustür schläft. Davey Armstrong (Graham Verchere) und seine Kumpels verbringen ihre Sommerferien mit den Problemchen des Erwachsenwerdens. Sie schwärmen für die ältere Nachbarin Nikki (Tiera Skovbye), prollen mit harten Sprüchen und stehen sich und ihrem Hormonhaushalt oft selbst im Weg. Man verbringt die Nächte mit Versteckenspielen in Nachbars Garten, Fernglasbeobachtungen in fremde Schlafzimmer und dem Lesen von Zeitungsartikeln über allerlei gespenstische Phänomene.

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Alles könnte idyllischer nicht sein, wären da nicht mehrere vermisste Jugendliche im Ort, die auf unerklärliche Weise einfach verschwunden sind. Davey verdächtigt seinen Nachbarn, den Cop Wayne Mackey (Rich Sommer), etwas mit dem Verschwinden der Jugendlichen zu tun zu haben und beobachtet ihn mit seinen Freunden. Sie verfolgen ihn und finden immer unerklärlichere Dinge über ihn heraus.

Nachdem er mit seinen Freunden bei der Polizei auf Eis gelaufen ist, wenden sich die Kumpels von ihm ab und wollen mit der Nummer nichts mehr zu tun haben.
Einzig sein bester Freund Woody und seine neue Freundin Nikki halten an dem Vorhaben fest, zusammen mit Davey dem Cop das Handwerk zu legen. Einen aufregenderen Sommer können sich die Kids kaum vorstellen…

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Es ist kein Hexenwerk, einen coolen, Nostalgie-geschwängerten Film zu produzieren. Nimm ein Paar Retro- Klamotten, gut sondierte politische Fakten, ein Paar bekannte Songs, ein schickes Setting mit Retro-Deko und den typisch amerikanischem Klimbim. Aber das Ganze gut zu machen ist eine Kunst für sich. Und genau das ist es, was die drei
Kanadier von RKSS hier zusammengeschustert haben – ein neues Meisterwerk voll Nostalgie, gespickt mit einer Story, die auch am nächsten Tag noch nachhängt und einem frischen Cast, der sich wirklich sehen lassen kann: Nach „Turbo Kid“ präsentieren uns Francois Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell ein liebevoll inszeniertes, starkes, düsteres 80er-Jahre-Teeny-Abenteuer über Freundschaft, Zusammenhalt, die erste Liebe und den Wunsch nach einem aufregenden Sommer, der am Ende in einer Katastrophe endet.

Auch nach Stranger Things, ES, Disturbia und Super 8 ist es immer noch befriedigend, Filme im 80er Jahre Stil zu finden, die richtig Bock machen. Auch wenn der schier unfassbare Hype um Retro-Filme grade auf dem Höhepunkt scheint und unter anderem Netflix riesige Erfolge in der Genresparte feiert, ist „Summer of 84“ noch eine Spur cooler, echter und liebevoller ausgestaltet als so manches, was derzeit auf dem donnernden Retrozug mitfährt.

„Summer of 84“ vereint Kunst, Sound und Story zu einem Piece of Art, das vor Allem mit leisen Tönen glänzt. Der Film wird getragen von einer toll inszenierten Kamera, wohl gesetzten Schnitten und guten Dialogen, die trotz herber und teilweise abgedroschener Sprüche nicht überdreht und gewollt wirken, sondern Spaß machen. Man fühlt sich wie ein Teil der Clique, mal unangenehm als Voyeur, mal als Abenteurer, immer mit dabei. Die Spannung baut sich mit der Geschichte langsam auf, zieht sich wie ein Schleier durch die Handlung und eskaliert am Ende in einem Schockmoment, der nicht zu erwarten ist. Besonders schön ausgewählt ist hier der zauberhafte Synthiescore, wieder von LeMatos, wieder absolut passend und eingängig. In Kombination mit der teilweise düsteren Szenerie, den gekonnten Kameramomenten und dem feinfühligen Schnitt bildet er einen runden Rahmen zum Ganzen, der einige Gänsehautmomente inne hat.

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Fazit:

Nein, die 80s-Film-Welle ist noch lange nicht tot. Auch wenn „Summer of 84“ bei uns keinen Kinostart bekommen hat, ist es ihm absolut zu wünschen, dass er nach dem fulminanten Ausverkauf der VHS-Edition große Wellen schlagen wird – auch wenn er an die Wucht und Qualität von „Turbokid“ nicht ganz heran kommt, hier waren die 3 Regisseure doch etwas mutiger (die DVD zu „Summer of 84“ erscheint am 26.10., und ihr könnt sie HIER bestellen). Ein starker Film, dennoch hat er einige Längen, die sich vor allem im Mittelteil bemerkbar machen, wodurch 105 Minuten doch recht lang werden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sich auf genretypischen Elementen ausgeruht wird, anstatt wie bei „Turbokid“ mit extravagantem Feinsinn alte Muster aufzubrechen und Neues zu wagen. RKSS enttäuschen dennoch nicht, sie nehmen einen mit auf eine Zeitreise ins Coming of Age – Genre der 80er.

Bewertung:

90 / 100

von Julia van de Gore

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