In einem inzwischen legendären Talkshow-Interview versuchte Österreichs Hollywood-Export Nr. 1 Christoph Waltz einst, dem US-Publikum eine der eigenartigsten Traditionen der Alpenrepublik näher zu bringen: Den Krampus. Die österreichische Filmemacherin Gabriele Neudecker nähert sich in ihrer am 9. November österreichweit in den Kinos startenden Doku „Gruß vom Krampus“ diesem für Außenstehende durchaus befremdlichen Brauch filmisch an. Den Soundtrack dazu lieferte Makemakes-Frontmann Dominic Muhrer.

Kurzinhalt:

Die wilden Wintergeister erleben eine Renaissance im ganzen Land. Alte Traditionen um magisches Wintertreiben sind heute beliebter denn je, Männer und Frauen beleben kulturelles Erbe mit modernen Elementen. Das Krampuslaufen zieht insbesondere die Jugend in ihren Bann, ihre Lust an der Maskerade und dem Schlüpfen in eine andere Rolle ist unbändig. „Gruß vom Krampus“ beleuchtet historische Wurzeln, moderne Entwicklungen und die Begeisterung einer jungen Generation, die in alte Winterbräuche eintaucht.

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Der Regisseurin war es wichtig, die globale Populärkultur des Krampustreibens zu beleuchten, ohne die Problematik auszusparen, denn die boomende Jugendkultur bietet durchaus Widersprüche – deshalb werden auch Schulvorführungen mit Diskussionen angeboten. Zudem ging man Kooperationen mit zwei Museen ein, um das Thema breiter und „interdisziplinär“ aufzubereiten. Vor allem hat man sich zum Ziel gesetzt, auch junge Leute zu erreichen, die sonst mit der „Kinokultur“ wenig am Hut haben, möglicherweise aber bezüglich des Krampus-Brauchtums auf eigene, persönliche Erfahrungen blicken können, und ihnen einen anderen, ungewohnten, filmischen Blick auf das bunte Treiben zu bieten. Entgegen kommt den Filmemachern von „Gruß vom Krampus“ dabei, dass ihr Werk in allen Bundesländern österreichweit zu sehen sein wird, und mit 30 Kopien startet – eine insbesondere für einen österreichischen Film beachtliche Zahl.

Die Regisseurin beleuchtet das boomende Krampus-Laufen als männlichen Initiationsritus, zeigt die unbändige Lust am Maskieren: Männer bereiten sich monatelang und akribisch auf die Läufe vor, schminken sich liebevoll gegenseitig, entwickeln ganze Choreografien und stecken sehr viel Geld in die kostspielige Ausrüstung. Hintergründe und Wurzeln des Brauchs werden ergründet und der Ausschluss von Frauen in vielen Passen aufgrund von „alten Traditionen“ in Frage gestellt – denn eine weibliche Wurzel ist mit der Figur der „Frau Percht“ offensichtlich. Gerade junge Männer finden Sicherheit in ihrer aktiven Rolle als Krampus, während ZuschauerInnen – und dabei oft gerade junge Frauen – ungezügeltes und wildes Verhalten eines „starken“ Krampus geradezu einfordern.

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Seine Weltpremiere feierte „Gruß vom Krampus“ ausgerechnet beim Worldfest in Houston im April 2018, die Österreichpremiere erfolgte beim Filmfest Kitzbühel im August 2018. Dazu kommen Teilnahmen bei internationalen Filmfestivals in den USA, Argentinien, Kolumbien, Israel, Indonesien, Indien, Russland, Italien, Armenien, Kroatien, Rumänien und Iran. Der Film wurde bei seinem Festival-Run bereits mit 5 Preisen ausgezeichnet:

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Dass die Figur des Krampus so wenig erforscht ist, führt Regisseurin Neudecker auf die in Österreich schwierigen Begriffe „Heimat“ und „Brauchtum“ zurück: „Die wurden von den Nationalsozialisten missbraucht, von der rechten Szene gekapert – und werden von vielen als vermintes Gelände betrachtet.“ Sie hingegen möchte „Heimat“ und „Brauchtum“ neutral sehen, Vereinnahmungen kritisch hinterfragen und beide Begriffe als Kategorien der Identifikation offen behandeln.

Die besondere Faszination, die die Krampus-Tradition auf junge Menschen ausübt, führt sie auf den „Spiel-artigen“ Charakter des Brauches zurück: „Die Menschen vor und in den Masken suchen das Spiel, eine Ritualisierung der Gegenwart, das kontrollierte Gruseln im Eintauchen in „alte Magie“. Zum Charakter der Perchten oder Krampusse gehört es, wild und ungezügelt zu sein. Es ist nicht verwunderlich, dass es bei Krampusläufen auch immer wieder zu Grenzüberschreitungen in Form von Gewalt oder sexuellen Übergriffen kommt“, spricht sie auch die Schattenseiten des bunten Treibens an.

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Die Tatsache, dass dieses Krampus-Treiben, insbesondere in ländlichen Gegenden Österreichs, so lange überleben konnte, erklärt Neudecker mit einer „Ventil-Funktion“, die Bräuchen und Ritualen immer schon eigen war. In unserer modernen, affektkontrollierten Gesellschaft erfahren gerade solche Bräuche eine Renaissance, die „freies Spiel der Emotionen“ ermöglichen, so die These der Regisseurin – wenn auch nur ritualisiert und für einen begrenzten Zeitraum. Mit ihrem bemerkenswerten Film „Gruß vom Krampus“ versucht sie, intime Einblicke in eine alte Tradition zu ermöglichen, und vor allem die Personen in den Mittelpunkt zu stellen, die dieses ur-österreichischen Brauchtum am Leben erhalten.

„Gruß vom Krampus“ – ein Film von Gabriele Neudecker.

ab 9.11. im Kino.

Den Trailer zum Film findet ihr hier:

Dieser Beitrag entstand in inhaltlicher Zusammenarbeit mit den Filmemachern und Pimp the Pony Productions.

Bilder: © Pimp the Pony Productions

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