„Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingsstrom“, „Flüchtlingsflut“. Inflationär gebrauchte Begriffe, deren zynische Wortwahl sich dem aufgeklärten Geist spätestens nach Betrachtung dieses Filmes offenbaren dürfte: „Styx“, der bereits vielfach ausgezeichnete Film von Wolfgang Fischer, startet am 23.11. in unseren Kinos.

Eine resolute deutsche Notärztin bricht aus ihrem Berufsalltag aus und zu einem Segeltörn auf, Ziel der abenteuerlichen Überfahrt ist ein Inselparadies im Atlantik. Gleichzeitig ist auf einem Fischkutter eine Gruppe von Menschen aus Afrika unterwegs. Auch sie fliehen vor ihren Lebensumständen auf der Suche nach einem friedlichen Ort, allerdings mündet ihr Aufbruch in Schiffbruch und die Passagiere, die den Gefahren ihrer Heimat entkommen wollen, sind einmal mehr an Leib und Leben bedroht. Als sich die Wege der beiden Wasserfahrzeuge kreuzen, stößt die professionelle Lebensretterin an den äußersten Rand ihres Kompetenzbereichs.

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Prämissen hinter einem solch brisanten und emotional vorbelasteten Hintergrund laufen Gefahr, in pathetische Gefilde abzudriften, doch Regisseur Fischer wählt den sicheren, aber schmerzhaft realistischen Weg, sich dem Sujet zu nähern. Ohne ideologische Brille navigiert er die Erzählung betont nüchtern durch den Rausch der stürmischen See und entfaltet genau so ihre wohl höchstmögliche Wirkung. Nichts wird romantisiert, am allerwenigsten aber die maritime Kulisse des tragischen Schauspiels. So lässt sich das Drama auch alle nötige Zeit, um zunächst einmal die brachiale Urkraft der Naturgewalten festzuhalten. Die Beengtheit des Bootes auf der Weite des Ozeans evoziert ein ambivalentes Unbehagen zwischen Klaustro- und Agoraphobie, während die stete Geräuschkulisse von einer omnipräsenten Bedrohung kündet. Das Publikum wird buchstäblich „mit ins Boot“ gezogen und durchlebt die leidvolle Mühsal ohne eine Chance auf Distanzierung.

Es wird durchgerüttelt, hin- und her gepeitscht und ins kalte Wasser geworfen. Die elementaren Gewalten, die es zu überwinden gilt, sind aber vor allem menschlicher Natur; sie manifestieren sich in den vermeintlich zuständigen, unsichtbaren Autoritäten, die wir zwar über Funk empfangen können, für einen Dialog aber unerreichbar bleiben. Nächste Nähe wird zur unüberbrückbaren Entfernung, unmittelbarer Zugang zum Geschehen bleibt aber auch den Rezipienten verwehrt, die zur Rolle des ohnmächtigen Augenzeugen verurteilt sind. Für Adressierte wie Akteure zerbricht die Handlungskette an einem einzelnen Glied, das es verweigert, sich der logischen Folge zu fügen. Während ein Schiffbrüchiger vor Unterkühlung zittert, jagt dem Zuschauer die empathielose Unterkühltheit der Behörden eisige Schauer über den Rücken. Während die Segelyacht mit einem Arsenal an Wasserflaschen beladen ist, füllt sich der Rumpf des Flüchtlingsschiffes mit Wasser. In beiden Fällen werden potentielle Lebensretter zur Lebensgefahr in einem makaberen Paradoxon.

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Fischer vermeidet aber Moralisierung mittels Zeigefinger und besinnt sich auf die authentische Narration eines fiktiven Fallbeispiels. Wo die Stimme der Vernunft verstummt, werden ethische Grundfragen ganz von selbst laut, mit denen sich auch die Protagonistin von „Styx“ konfrontiert sieht: Was ist der Auftrag des Individuums, wenn sich Verantwortungsträger ihrer Verantwortung entziehen? Welche Risiken darf und muss es im Zeichen der Menschlichkeit eingehen? Angesichts der Ermangelung eines politischen Konsens bleibt uns auch „Styx“ die Antworten auf diese drängenden Fragen schuldig. Im Hinblick auf die dramatisch steigenden Zahlen ertrunkener Geflüchteter kommt eine öffentlichkeitsorientierte Diskussion des Dilemmas jedenfalls keine Minute zu früh. Die titelgebende Allegorie auf den mythologischen Fluss der Toten erfährt in Anwendung auf lebensgefährliche Fluchtrouten traurige Trefflichkeit.

Fazit:

Das mit drei Goldenen Bären ausgezeichnete Werk wirft einen intimen Blick hinter die erschütternden Schlagzeilen über verunglückte Flüchtlingstransporte und verfügt in all seiner Wortkargheit über gewaltige Aussagekraft. Ein hochgradig körperliches Filmerlebnis, das man sich gern als fixen Programmpunkt jeder Flüchtlingskonferenz wünsche würde.

Bewertung:

8 von 10 Punkten

von Daniel Krunz

 

Bilder: Filmladen Filmverleih / Benedict Neuenfels

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