Den ultimativen Weihnachtsfilm zu benennen ist eine schier unlösbare Aufgabe, schließlich gibt es unzählige Kandidaten, die sich mit der Thematik beschäftigen oder uns jedes Jahr aufs Neue nur zu dieser besinnlichen Zeit von den Fernsehanstalten vorgesetzt werden; und dann gibt es da ja auch noch die alte Weisheit „Geschmäcker sind verschieden“. Aber einen Streifen gibt es dennoch, der wohl in beinahe jeder Top 10 Liste der „Filme für die Festtage“ auftauchen dürfte – „Stirb Langsam“ von John McTiernan. Warum dieses Werk trotz all der umherfliegenden Kugeln, opulenten Explosionen und blutverschmierten Unterhemden zum weihnachtlichen Pflichtprogramm zählt, erfahrt ihr hier.

John McClane (Bruce Willis) hat es dieses Jahr zu Weihnachten nicht leicht: Seine Frau ist samt der Kinder der Karriere wegen ans andere Ende Amerikas gezogen und trotz seiner Flugangst macht er sich auf den Weg zu ihnen, um zu schauen, ob das zerrüttet Familienglück vielleicht doch noch zu retten ist. Aber noch bevor es zu einer Aussprache auf der Weihnachtsfeier des neuen Arbeitgebers seiner Frau kommen könnte, meinen ein paar böse Buben, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt sei, um den Laden auszurauben. So muss John plötzlich statt um seine Ehe, um sein Leben und das Leben der Geiseln kämpfen.

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In den 80ern war das Leben noch einfach: man gab einem durchtrainierten Mann eine Waffe, stellte ihm ein paar Schurken in den Weg und zack, schon hatte man einen Kassenschlager geschaffen. Da brauchte es keine ausgeklügelte Handlung, keine tausende Seiten umfassenden Romane, die als Vorlage dienen – nur einen Mann, einen Bösewicht und ein Hochhaus.

Zumindest mag es auf den ersten Blick so scheinen, aber wer „Stirb Langsam“ ob seiner im Vordergrund stehenden Action als stupides Machwerk abtut, der irrt. Bereits mit der ersten Szene, als das Flugzeug sicher landet und unser Protagonist auf seine offensichtliche Flugangst angesprochen wird, beweisen sowohl Regisseur als auch Drehbuchautor ein großes Gespür für Charakterbildung. John McClane wird dem Publikum nicht als beinharter Rambo-Verschnitt präsentiert, sondern als Mensch mit Ängsten, Problemen und Sorgen. Auch sein Look gleicht mehr dem eines ganz gewöhnlichen Durchschnittstypen und weniger einer hochtrainierten Kampfmaschine. So schaffen es die Macher bereits in den ersten Minuten des Films eine grundsätzliche Sympathie beim Publikum gegenüber dem Sprüche klopfenden Bullen mit dem weichen Kern zu erzeugen. Somit hätten wir schon einmal die erste Zutat für einen zeitlosen Actionklassiker isoliert: einen nahbaren Helden, mit dem sich der Zuschauer identifizieren und mit dem er dadurch auch mitfiebern kann.

Die zweite Zutat, die auf gar keinen Fall in einem guten Actionfilm fehlen darf, ist natürlich ein ernstzunehmender Gegenspieler. Und auch hier beweisen die Macher ein treffsicheres Händchen bei der Auswahl des Antagonisten. Alan Rickman als gewiefter Verbrecher, der den Behörden offensichtlich immer einen Schritt voraus ist und der trotz nicht einkalkulierter Unwägbarkeiten scheinbar immer die Oberhand behält, ist mehr als ein generisch vorgesetzter Schurke. Eloquent, gebildet und mit dem richtigen Maß an Wahnsinn versehen, bildet die Figur des Hans Gruber den perfekten Gegenpart zu unserem leicht überfordert wirkenden Helden. Speziell jene Szenen, in denen sich die Widersacher Auge in Auge gegenüber stehen in diesem zweistündigen Katz-und-Maus-Spiel, in dem man nie so recht weiß, wer nun die Katze und wer die Maus ist, sind auf den Punkt inszeniert und geschrieben – jeder Blick, jede Geste, jedes Wort sitzt.

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Die letzte Zutat, um die Spreu vom Weizen zu trennen, ist die Inszenierung in all ihren Facetten. Da wäre zunächst die Kameraarbeit, die es immer wieder schafft, den Zuschauer durch richtig platzierte Nahaufnahmen mitten ins Geschehen hineinzuziehen; der Schnitt, der dank dem richtigen Wechsel zwischen Verschnaufpausen und actionlastigen Szenen nie Langeweile aufkommen lässt; das Setting, welches durch seine kammerspielartige Atmosphäre ein Gefühl der Enge und Dringlichkeit entstehen lässt und dem Film gleichzeitig ob der räumlichen Kontinuität einen wichtigen Anker- und Ruhepol verleiht; außerdem der Soundtrack, der es meisterliche schafft, sein Hauptthema „Ode an die Freude“ in immer neuem Gewand erstrahlen zu lassen und dadurch einen musikalischen Bogen um die Handlung spannt; zu guter Letzt natürlich noch die Effekte, die auf der einen Seite durch bombastische Explosionen, auf der anderen Seite aber auch durch gut choreographierte und erstaunlich echt wirkende Nahkämpfen zu überzeugen wissen.

Alles in allem ist „Stirb Langsam“ nicht nur ein verdammt guter Actionfilm – und ganz zu Recht inzwischen Kult – sondern der wohl beste Weihnachts-Actionfilm, den es je geben wird. Jeder, der also genug von weichgespülten „Friede-Freude-Eierkuchen“-Streifen hat oder dem der Kiefer bereits von den dutzendsten Komödien mit weihnachtlichem Einschlag schmerzt, der sollte sich „Stirb Langsam“ einlegen und sich noch einmal jener glorreichen Tage erinnern, als Actionfilme trotz einer einfach gestrickten Handlung dennoch eine packende Geschichte erzählen konnten.

von Mara Hollenstein-Tirk


Damit verabschieden wir uns in unsere wohlverdiente Weihnachtspause und danken euch für das große Interesse an unseren Texten und Beiträgen in den vergangenen Monaten. Ab 7.1.2019 sind wir wieder für euch da, und wünschen euch bis dahin schöne Feiertage, ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Christian Klosz & die gesamte filmpluskritik-Redaktion.

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