Joy ist der zweite Spielfilm der iranisch-österreichischen Regisseurin Sudabeh Mortezai. Im Gegensatz zu ihrem Debütfilm „Macando“, in dem das Schicksal eines Flüchtlingsjungen namens Ramasan in einer Siedlung am Rande Wiens behandelt wurde, wagt sie sich in „Joy“ an ein mindestens genauso aktuelles Thema heran: den Menschenhandel.

Zu Beginn des Films befinden wir uns in Nigeria. Wir begegnen Precious (Mariam Precious Sanusi) inmitten eines traditionellen Juju-Rituals, das von einem männlichen Hexendoktor durchgeführt wird, um sie durch Angst und Aberglauben an ihren zukünftigen Beruf zu binden. In der darauffolgenden Szene befinden wir ZuseherInnen uns schon mitten in Wien und begegnen Precious und anderen afrikanisch-stämmigen Frauen am Straßenstrich.

Alle handelnden Frauen aus Afrika leben hier gemeinsam in einer Kellerwohnung mitten im 16. Wiener Gemeindebezirk und müssen nicht nur ihre enormen Schulden bei einer Frau, die von allen nur „Madame“ (Angela Ekeleme) genannt wird, abbezahlen, sondern auch noch ihre Familien zuhause in Afrika mit Geld versorgen.

Das schreckliche Schicksal der jungen Frauen wird in „Joy“ direkt spürbar und erfahrbar, was nicht zuletzt daran liegt, dass Mortezais Drehbuch sich zu großen Teilen auf die Erfahrungen ihrer Besetzung stützt, die großteils aus nicht-professionellen Schauspielern besteht. Diese Authentizität der Figuren, gepaart mit den teils improvisiert wirkenden Szenarien, vermitteln einem einen guten Einblick in diese düstere Welt.

Der Name der eigentlichen Hauptcharakterin Joy (Joy Alphonsus), deren Name titelgebend für den Film war, erscheinen im Kontext des Films und der Thematik überaus ironisch. Joy scheint auch die Figur zu sein, die mit der größten Last zu kämpfen hat. Nach der Ankunft der jungen Precious ist es sie, die zusätzlich auch noch beauftragt wird, auf diese „aufzupassen“. So ist sie im ständigen Zwiespalt zwischen mütterlicher Hilfe und der Sorge um sich selbst.

Hervorzuheben ist die die Arbeit von Kameramann Klemens Hufnagl, der die ProtagonistInnen nahezu unbemerkt bei ihren alltäglichen Tätigkeiten beobachtet, sodass das Gefühl von Realität und direkter Teilhabe zusätzlich verstärkt wird. Stilistisch erinnert der Film dadurch auch sehr an einen Dokumentarfilm.

Als Drehorte dienten Wien und Nigeria – und auch zu kleinen Teilen Salzburg. Den ganzen Film hindurch werden die österreichischen Bräuche den Bräuchen Nigeria gegenübergestellt, wodurch im Laufe der Zeit die teilweise Absurdität derselben – zu beiden Seiten – offen gelegt wird. Die immer bewusster werdende Unterdrückung der nigerianischen Frauen, einerseits durch österreichische Einheimische, aber auch durch eigene Landsleute, wird filmisch glaubwürdig unangenehm dargestellt.

Fazit

Ein weiteres Mal betrachtet Mortezai in „Joy“ das alltägliche Leben von illegalen EinwohnerInnen auf eine überaus realistisch wirkende Art. 101 Minuten lang erfahren wir das kollektive Schicksal nigerianischer Migrantinnen, die tagtäglich um das Überleben kämpfen müssen. In der migrationsorientierten politischen Krise Europas ein Thema, das gar nicht aktueller sein könnte.

Bewertung

7 von 10 Punkten

von Elli Leeb

Bilder: © Filmladen Filmverleih

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