Die menschliche Spezies steht vor dem Abgrund; endlose Gier trieb uns in eine dekadente Verfallskultur, die alles ist, das uns heute noch zusammenhält; die Obsession mit Schönheit und Oberflächlichkeiten machte uns zu willenlosen Konsumzombies, angetrieben nur von der Lust zur exzessiven und inhaltslosen Selbstdarstellung: In etwa so müsste man die ersten Minuten von Lauren Greenfields „Generation Wealth“ zusammenfassen, der bereits auf der Berlinale 2018 zu sehen war, und am 22.3. in unsere Kinos kommt. Die Dokumentarfilmerin liefert ein kritisches Porträt der (westlichen) Zivilisation, lotet dabei auch ihre eigenen Obsessionen aus – und liefert am Ende doch noch ein relativ einfaches Rezept, das uns alle vor dem Untergang retten könnte.

Lauren Greenfield widmete ihre Karriere als Fotografin über weite Strecken der Darstellung von Reichtum, Ruhm und Besitz; im Film begibt sie sich zuerst auf die Suche nach dem Ursprung dieses Interesses: In eine gut situierte, jüdische Aufsteiger-Familie in L.A. geboren, fehlte es ihr an nichts in ihrer Kindheit und Jugend; in der ausschließlich von „rich kids“ besuchten Privatschule war sie dennoch Außenseiterin, sie hatte nicht den makellosen Körper ihrer Mitschülerinnen, ihre Eltern hatten zwar Geld und waren gebildet, hatten sich das alles aber mühsam selbst erarbeiten müssen, und gaben ihr deshalb andere Werte mit, als die Celebrity-Sprösslinge in Laurens Schule von deren Eltern vermittelt bekamen. Die strebten nach endloser Zur-Schau-Stellung von Besitz und Dekadenz, Sex, Drogen, Alkohol und Exzess; Lauren war davon abgestoßen und fasziniert zugleich – und so begann sie das, was sie selbst nicht war und nicht wollte, sie aber umgab, fotografisch abzubilden.

Ihr Film „Generation Wealth“ ist sowohl eine persönliche Spurensuche geworden, als auch das Porträt einer verkommenen (US-amerikanischen) Gesellschaft, die sich mit ihren oberflächlichen Obsessionen selbst an den Abgrund manövriert hat. Greenfield porträtiert verschiedene Personen, die ihre ganz individuelle „Verfallsgeschichte“ erzählen: Da wäre die von Ehrgeiz angefachte Mutter, die ihre Tochter im Kleinkindalter zur Schönheitskönigin drillt; das ehemalige Porno-Starlet, das die Schattenseiten des Branche mehr als ausgiebig kennen gelernt hat, und nun eigentlich nur Mutter werden möchte; der ehemalige Rap-Emporkömmling, der in den 90-ern den Tony Montana-Traum von Geld und schnellem Reichtum lebte; und der ehemalige Hedgefonds-Manager, der durch seine Gier nicht nur seinen Job, sondern auch seine Familie verloren hat. Sie alle eint eines: Die Erkenntnis, dass diese Gesellschaft so nicht mehr weitermachen kann, dass sie, einst von den Versprechungen eines pervertierten „American Dream“ verblendet, in ihren persönlichen Alptraum schlitterten, aus dem es nur ein mühsames Entrinnen gab.

Regisseurin Greenfield beobachtet alles präzise, nicht ohne gewissen Voyeurismus, ist aber nicht zu eitel, auch sich selbst und ihre eigenen Schwächen vor der Kamera zu offenbaren. Überraschend ist bei all dem, dass am Ende doch ein Ausweg aus dem Dilemma skizziert wird, eine in ihrer Banalität einleuchtende Utopie: Die durch (ausweglose) Abwendung von Besitzstreben und Selbstdarstellungssucht enstehende Leere soll durch Hinwendung zu Freunden, Familie und simplen, aber erfüllenden Tätigkeiten ersetzt werden. Ob damit das Problem auf globaler Ebene gelöst werden kann, bleibt mehr als fraglich; auf rein persönlicher und individueller Ebene aber ist Greenfields Vorschlag durchaus einen Gedanken wert.

Fazit:

„Generation Wealth“ ist ein solider Dokumentarfilm, der persönliche Belange (der Filmemacherin) mit globalen verbindet. Die Darstellung von Exzess und Dekadenz ist entlarvend, ebenso die gezeigten Fallbeispiele von gescheiterten Existenzen, denen ihr blindes und verblendetes Streben nach Geld und Besitz beinahe ihr Leben gekostet hatte. Die vorgeschlagene Lösung klingt simpel und unspektakulär: Gib jedem eine zweite Chance, und wende dich einfachen, aber erfüllenden Dinge zu. – Ab. 22.3. in den österreichischen Kinos, u.a. im Stadtkino Wien.

Bewertung:

7 von 10 Punkten

von Christian Klosz

Bilder: © 2019 Stadtkino Filmverleih und Kinobetriebsgesellschaft m.b.H