Marie Kreutzers neuer Film, der im Rahmen der diesjährigen Berlinale im Wettbewerbsprogramm Premiere feierte, eröffnete gestern Abend die 22. Diagonale in Graz. „Der Boden unter den Füßen“ passt gut in das Programm des Festivals, das diesjährig einen Fokus auf „Projizierte Weiblichkeit(en)“ und somit auf die Rolle der Frau legt. Ab dem 22. März läuft der Film auch regulär in den österreichischen Kinos an.

Lola (Valerie Pachner) wird als eine Frau eingeführt, die alles im Griff zu haben scheint: Als erfolgreiche Unternehmensberaterin ist sie ständig unterwegs, ihre Wohnung in Wien ist aus diesem Grunde nur sehr kühl und spartanisch eingerichtet. Lola scheint alles unter einen Hut zu bekommen: neben ihren „fortyeights“ – in ihrer Branche ein Begriff für eine 48-Stunden-Schicht – und ihrer amourösen Beziehung zu ihrer Chefin Elise (Mavie Hörbiger) betreibt die Karrierefrau auch noch täglich Sport.

Das Einzige, was sie aus diesem strukturierten Leben herauszureißen scheint: ihre große Schwester Conny (Pia Hierzegger), die im Film als Lolas „Antithese“ entworfen wird. Bei der wurde im 22. Lebensjahr Schizophrenie diagnostiziert, und sie versucht eines Tages, Suizid zu begehen. So gut es geht kümmert sich Lola zusätzlich auch noch um ihre Schwester, doch deren paranoiden Anrufe machen ihr nach und nach doch zu schaffen. Ob diese Anrufe real sind oder sie sich Lola aufgrund von Überarbeitung doch nur einbildet, diese Frage bleibt bis zum Ende ungeklärt: denn bald rückt Kreutzer Lolas in die Brüche gehende Karriere in den Mittelpunkt des Films und damit eine Existenz, der langsam, aber sicherder Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Valerie Pachner & Pia Hierzegger in „Der Boden unter den Füßen“, dem Eröffnungsfilm der Diagonale 2019

Genauso kühl wie Lolas Einrichtung in ihrer Wiener Wohnung ist der Film inszeniert: Der Aufstieg auf der Karriereleiter, der von Lola als höchstes Ziel wahrgenommen wird, wird so nicht nur auf narrativer Ebene, sondern auch durch die Inszenierung negativ besetzt. Zudem werden durch die Figur Lola auch wenig subtil die immer noch bestehenden Geschlechterunterschiede, vor allem in ihrem Berufsumfeld, thematisiert: Gleichstellung ist hier nur in oberflächlichen Ritualen wie in gendergerechter Sprache wahrzunehmen. Eine Thematisierung, die auch heute noch von enormer Wichtigkeit ist und Kreutzer mithilfe ihrer Figuren gut zum Ausdruck bringt.

Marie Kreutzer fokussiert in „Der Boden unter den Füßen“ die Figur der Karrierefrau, die nach außen hin stets alles im Griff zu haben scheint und ihre Schwächen nie durchblitzen lässt. Das chaotische Element in ihrem Leben, das langsam, aber stetig Überhand nimmt, und die fein säuberliche Ordnung auf den Kopf stellt, wird durch ihre unberechenbare Schwester repräsentiert.

Überdeutlich wird zudem eine harsche Systemkritik, die sich nicht nur gegen Rituale eines männerdominierten Berufsumfeld richtet, sondern und vor allem auch gegen ein System an sich, das durch seinen Zwang zur ständigen Verfügbarkeit und Leistung an den Rande des Wahnsinns treiben kann. Zusammenfassend: Durch Valerie Pachners glaubwürdiges Rollenspiel kommt die Zerrissenheit der Figur gut zur Geltung und auch Pia Hierzegger kann in ihrer Rolle als paranoide-schizophrene große Schwester durchaus überzeugen. Auf 35-Millimeter-Film gedreht, inszeniert Kreutzer solide ein Narrativ, das sich an manchen Stellen zu verlaufen scheint, aber insgesamt sehr sehenswert ist.

Rating:

73/100

von Elli Leeb

Bilder: © Juhani Zebra

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