Die Diagonale versteht sich seit vielen Jahren nicht bloß als ein schlichter Filmwettbewerb; sie versteht sich auch als Raum des Miteinanders, als Raum der Vielschichtigkeit und als Ehrung der österreichischen Filmlandschaft in seiner Gesamtheit. So verwundert es nicht, dass, neben dem eigentlichen Wettbewerb, jedes Jahr einige Specials zu finden sind – neben jenen zu österreichischen Persönlichkeiten, zählt dazu auch alljährlich ein historisches Special.

In diesem Jahr steht eben jenes historische Special unter dem Titel: „Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)“. Dass ausgerechnet ein solches Thema einen prominenten Platz im Festivalprogramm einnimmt, mag, bedenkt man die derzeitige hitzige politische, soziale und auch filmische Diskussion über die Rolle der Frau und ihr Bild in der Gesellschaft allgemein, kaum verwundern. Dabei will sich das Special aber weniger mit den Frauen(bildern) hinter der Leinwand, als vielmehr mit den Frauenbildern auf der Leinwand auseinandersetzen und aufzeigen, wie sich das filmische Verständnis von Frauenrollen historisch betrachtet (weiter-)entwickelt hat – oder eben auch nicht. Ausgangspunkt der Filmauswahl bildete dabei ein Essay von Michelle Koch und Alexandra Zawia, auf den ausgewählte Filmschaffende mit Hilfe ihrer Filmauswahl reagieren sollten, der Regisseur Stefan Ruzowitzky entschied sich für „In 3 Tagen bist du tot“.

Endlich ist es geschafft, die Matura ist überstanden und trotz anderweitiger Befürchtungen haben alle Prüflinge bestanden. Das freut besonders die fünf Freunde Nina, Martin, Clemens, Alex und Mona, die jetzt erst mal richtig feiern wollen. Die SMS, die allesamt am selben Tag von einer anonymen Quelle erhalten, mit dem verstörenden Text „In 3 Tagen bist du tot“, nimmt zu diesem Zeitpunkt noch keiner der jungen Erwachsenen ernst. Als dann allerdings noch am selben Abend Martin plötzlich spurlos verschwindet und am nächsten Tag geknebelt und gefesselt im See ertränkt wieder auftaucht, schlägt die Stimmung plötzlich radikal um und die Gruppe muss sich fragen, wer es auf sie abgesehen haben könnte.

Was lässt sich nun über den Film von Andreas Prochaska aus dem Jahr 2006 sagen, was nicht schon an anderer Stelle über andere Filme des Genres „Tennie-Slasher“ gesagt wurde? Abseits der erwähnenswerten Tatsache, dass Prochaska einer der wenigen und ersten österreichischen Filmschaffenden war, der sich an dieses Genre heranwagte, nicht viel. Die Handlung ist genretypisch dünn, die Szenen scheinen bestenfalls am Reisbrett entworfen, schlimmstenfalls einfach von amerikanischen Vorbildern kopiert und die Charaktere wirken, wie so oft in diesem Segment, konstruiert und unglaubwürdig. Einzig die gekonnt geschaffene Atmosphäre und die durchaus beachtenswerten Leistungen der Jungschauspieler sind eine besondere Erwähnung wert. Die schaurige Atmosphäre kommt aber leider, aufgrund des generischen und dadurch vorhersehbaren Spannungsaufbaus, nie über das Prädikat „ganz nett“ hinaus.

An dieser Stelle soll aber ohnehin weniger eine ausführliche Rezension zu dem Film präsentiert werden, diese wäre nämlich hier auch schon so ziemlich an ihrem Ende angelangt, vielmehr soll ein Versuch unternommen werden zu ergründen, weshalb Stefan Ruzowitzky genau diesen Film für das historische Special ausgewählt hat. Ein Unterfangen, das einfacher klingt, als es ist, denn das Programm der Diagonale gibt als Anhaltspunkt nicht mehr her, als einen kurzen Absatz, verfasst vom Auswählenden. Hier ist die Rede von einem „Psychothriller mit erfolgreicher Emanzipationsgeschichte ohne ideologischen Anspruch, dafür bloody wirkungsvoll.“

Stefan Ruzowitzky

An anderer Stelle verweist Herr Ruzowitzky auf die Wandlung der weiblichen Rolle im Genrekino vom hilflosen Objekt, welches vom starken Beschützer gerettet werden muss, hin zu einer Kämpferin, welche die Dinge selbst in die Hand nimmt. In diesem Kontext betrachtet scheint der Film natürlich eine ausgezeichnete Wahl für ein Special über „Projizierte Weiblichkeit(en)“, doch bietet diese Sicht auf den Film und das Genre als solches nur einen sehr oberflächlichen Blick auf eine vermeintlich vordergründige Emanzipation. Betrachtet man nämlich einmal das größere Ganze, fallen einem sehr schnell wieder unzählige genretypische Mechanismen auf, die das Bild der starken Jägerin etwas trüben.

Da wäre die Tatsache, dass in vielen Slasher/Horror-Filmen jenes Mädchen, dass Sex hat, auf jeden Fall entweder als erste stirbt oder aber auf jeden Fall den grausamsten Tod spendiert bekommt – denn die amerikanische Prüderie versteckt sich hinter jeder Ecke – und somit auch in „In 3 Tagen bist du tot“. Dann die Tatsache, dass das sogenannte „Final Girl“ zwar ab und an wirklich eine Waffe in die Hand nehmen darf, allerdings fällt die der tapferen Heroin meist auch gleich wieder aus der Hand, weil sie zum Beispiel über einen Teppich stolpert oder trotz Waffe vom Gegner doch noch übermannt wird – Spannungsaufbau könnte man das nun nennen, aber brauchen die männlichen Konterparts tatsächlich auch so lange, bis sie das erste Mal anfangen, die Schläge auszuteilen anstatt sie einzustecken?

Und wenn die Überlebende dann endlich doch den finalen Treffer landet, wird der Triumph nur allzu gerne in der Fortsetzung wieder negiert, denn, Wunder oh Wunder, der Killer ist doch nicht tot – nicht mal das konnte sie richtig machen. Und so könnte es endlos weitergehen mit der Dekonstruktion vermeintlich heroischer Momente, die bei näherer Betrachtung eher fragwürdig als emanzipiert wirken. Man lasse nur einmal kurz den Gedanken zu, dass das „Final Girl“ überhaupt nichts mit dem Versuch zu tun hatte, das Frauenbild zu stärken, sondern Ausgeburt der Überlegung war, dass Zuschauer nicht gern sehen, wie unschuldige, fromme Frauen abgeschlachtet werden (schlimmer sind da nur mehr Tiere) – und obwohl dieser Gedanke reine Spekulation ist, drängt er sich einem doch bei näherer Betrachtung unangenehm auf.

Nach all dieser Kritik offenbart, ganz am Schluss, folgendes Fazit: Sollte man sich all diese Fragen überhaupt in dieser Form stellen? Sollte man, in einem dermaßen aufgeheizten Klima, in dem keiner mehr weiß, was man eigentlich noch sagen darf, und dadurch immer mehr Stimmen einfach verstummen, nicht vielleicht lieber für Entspannung plädieren, für Entschärfung, für das richtige Maß, für ein Miteinander anstelle eines ständigen Gegeneinander? Insofern scheint die Auswahl von Herrn Ruzowitzky doch voll ins Schwarze getroffen zu haben, denn sie regt auf jeden Fall zum Diskurs an.

von Mara Hollenstein-Tirk / mehr von ihr auf ihrem persönlichen Blog Verfilmt & Zerlesen

Bilder: © Filmladen Filmverleih

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