Der erfolgreichste Kultur-Export der Franzosen in den letzten 10, 15 Jahren: Nicht Baguette oder Brie, sondern die sogenannte „Cultur-Clash-Komödie“. Monsieur Claude, die Sch’tis und andere, ziemliche beste Freunde versuchten, in dieser Spielart des heiteren Films, diesem Sub-Genre des filmischen Lustspiels, „ernste“ Themen mit Humor zu nehmen, und beantworteten Fragen nach glücklichem und geglücktem Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Klassen mit der der französischen Komödie eigenen verspielten Leichtigkeit. In Österreich bewegten sich zuletzt Arman T. Riahi & Freunde mit dem wunderbar überdrehten „Die Migrantigen“ auf ähnlichem Terrain, bemühten sich um gegenseitige Verständigung über (gegenseitig) Unverständliches; „Womit haben wir das verdient?“ von Eva Spreitzhofer schlägt in eine ähnliche Kerbe, und ist im Wettbewerbsprogramm der Diagonale 2019 zu sehen.

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Nina ist 16, und hat wie meisten AltersgenossInnen diverse Rebellionsphasen unterschiedlicher Ausprägung und Heftigkeit hinter sich. Ihr neuester Einfall, nachdem Alkohol, Drogen und wildes Partyleben allesamt nichts gebracht hatten: Übertritt zum Islam, inklusive Kopftuch, täglicher Gebete und streng einzuhaltender Essensvorschriften („Gummibärli sind haram – dafür kommst du in die Hölle!“). Die Eltern, die emanzipierte Karrierefrau Wanda und der gutmütige Harald, nach Scheidung und mit neuen Partnern in klassischer Patchwork-Manier wiedervereint, fallen aus allen Wolken, als ihnen die Tochter ihren neuesten Spleen eröffnet – die scheint es echt „ernst zu meinen“, denkt vor allem die Mutter haareraufend. Doch ihre missionarischen Tiraden von „Warum nur!“, „So habe ich dich nicht erzogen!“, „Womit haben wir das verdient?“ und besonders „….aber der Feminismus!“ wollen nicht so recht fruchten – und so muss sich die Familie wohl oder übel mit der neuen Lebensausrichtung von Nina – ab nun Fatima – arrangieren.

„Womit haben wir das verdient?“ illustriert auf unterhaltsame und humorvolle Weise die Bruchstellen, Irritationen, Widersprüche und Grenzen der liberalen, offenen und postmodernen „Multi-Kulti“-Gesellschaft. So ist es für die aufgeklärte Mutter Wanda nicht leicht, ihre einerseits tolerante Haltung in Beruf und Privatleben zu erhalten, während sie andererseits die plötzlich zur Muslima gewandelte Tochter und deren Einstellungen mit allen Mitteln bekämpft. Hier ist nichts schwarz-weiß, muslimische Mädchen organisieren feministische Aktionen, während die Post-68-er-Mutter plötzlich als starrsinnige Spießerin dasteht, die ihrer Tochter nicht den „freien Willen“ zugesteht,  sich so zu kleiden, wie sie möchte.

Der Film zeichnet eine Gesellschaft, in der konstante Verwirrung über individuelle und kollektive Identitäten herrscht, jemand, der vor 5 Minuten auf der einen Seite steht, kann sich 5 Minuten später plötzlich auf der anderen wiederfinden. Es gibt keine Lösung, die einzige Antwort ist gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung in einer von multiplen persönlichen Identitäten unübersichtlich gewordenen Gegenwart – und das ist auch die zentrale Message des Films: Eine diverse Gesellschaft kann nur durch konstante Kommunikation und gegenseitigen Austausch funktionieren und ihren Zusammenhalt erhalten – im Kleinen (der Familie) wie im Großen.

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Inszenatorisch solide, bewegt sich „Womit haben wir das verdient“ schauspielerisch auf durchwegs hohem Niveau, besonders herauszustreichen sind die Leistungen von Caroline Peters als besorgte Mutter Wanda und Simon Schwarz als ebenfalls besorgter, aber um einiges pragmatischerer Vater. Ein weiteres, großes Asset der Komödie ist der durchwegs ins Schwarze treffende Humor, der aus dem harmonisierenden Zusammenspiel der Akteure ebenso entspringt wie aus den aufeinander clashenden (kulturellen) Gegensätzen unter den ProtagonistInnen. Die permanenten kulturellen Irritationen und die folglichen Konsequenzen erinnern an eine österreichisierte Spielart des Humors von „Türkisch für Anfänger“ – was in diesem Fall durchaus als Kompliment gemeint ist.

Fazit:

Besonders lobenswert ist, dass Regisseurin und Drehbuchautorin Spreitzhofer nicht nur auf erhobene Zeigefinger, sondern auch auf übertriebene political correctness verzichtet, es so den „Die Migrantigen“ gleich tut – und damit alles richtig macht. Alles in allem: Eine durch und durch gelungene Komödie, witzig, humorvoll, gut geschrieben, klug und unterhaltsam. Um zum Schluss einen im Film oft gebrauchten Satz zu strapazieren – und dreist den Ausgang der Geschichte zu spoilern: Es gibt für alles eine Lösung.

Rating:

86/100

von Christian Klosz

Bilder: © Mona Film

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