Oft war in den letzten Jahren die Rede von der „gespaltenen Gesellschaft“, in der sich 2 unversöhnliche politische Lager gegenüberstehen, die schon an den grundlegendsten Erfordernissen einer gelungenen Kommunikation scheitern: Einer gemeinsamen Sprache. Zu unterschiedlich scheinen Sichtweisen, Begriffe, Zugänge, der Blick auf eine Welt, die sich rasch dreht und immer schneller ändert. Ulli Gladik probiert mit „Inland“, gedreht kurz vor und nach der österreichischen Nationalratswahl 2017, ein Experiment: Sie versucht zuzuhören, sich auf „das Andere“ einzulassen, sprich: FPÖ-Sympathisanten, und macht das mit großem Geschick, Respekt und Verständnis; und liefert damit ganz nebenbei ein Beispiel dafür, wie ein gedeihliches Zusammenleben in einer Gesellschaft, trotz unterschiedlicher Sichtweisen, funktionieren kann und sollte.

von Christian Klosz

In das Zentrum ihres Films stellt die Regisseurin 3 Protagonisten, allesamt aus Wien: Einen ehemaligen Häftling, der in einem Obdachlosenheim wohnt; eine Kaffeehaus-Betreiberin; und einen Angestellten der Stadt Wien. Die eint vor allem eines: Die Sorge um „Österreich“, das von Ausländern „überschwemmt“ würde, sodass man sich selbst nicht mehr „zu Hause“ fühlen könne. Insofern sind alle 3 auch (zumindest) FPÖ-Sympathisanten. In den ersten Interviews des Films, vor der NR-Wahl, wird oft davon gesprochen, dass man hoffe, ein „Strache in der Regierung“ würde endlich „aufräumen“ in Österreich. Doch schon früh wird spürbar, dass die Anti-Ausländer-Plattitüden oft nur Vorwand für viel tiefer gehende Sorgen und Ängste sind, die nicht selten sozial oder ökonomisch bedingt sind. Und dass die Protagonisten meist viel reflexionsfähiger sind, als man auf den ersten Blick vermuten würde – wenn man sie denn reden lässt.

Dieses filmische Dokument, das auch einen wertvollen Beitrag zum Verständnis populistischer Mechanismen leisten kann, zeichnet das Porträt einer sich im Umbruch befindlichen und verunsicherten Gesellschaft, es ist Regisseurin Gladik und ihrem sensiblen Gespür und ihrer Geduld zu danken, dass man durchaus auch Sympathie mit den Protagonisten entwickelt, auch wenn man in vielem nicht übereinstimmt. „Inland“ zeigt auch, dass es zwar oft tief sitzende Ressentiments gegenüber Ausländern oder anderen Gruppen gibt, die manchmal nur durch gezielte und erfolgreiche Manipulation durch populistische Parteien erklärt werden können; ebenso oft ist das „Der Ausländer ist schuld“ einzig und allein ein vorgeschobenes Argument, das viel tiefer liegende Befindlichkeiten überdeckt. Und dass das den Protagonisten, zumindest jenen in „Inland“, oft durchaus bewusst ist, sie also für vernünftige Politik empfänglich wären – wenn eine solche nur jemand machen würde.

Zu guter Letzt illustriert „Inland“ auch ausgezeichnet, warum die SPÖ derzeit darnieder liegt, und viele ihrer ehemaligen Wähler zur FPÖ übergelaufen sind: Zwei der Protagonisten wurden sozialistisch sozialisiert, waren früher teils stolze Anhänger der Sozialdemokratie, die sie stest bei ihren Problemen unterstützt hatte, beide haben sich aber irgendwann enttäuscht abgewendet, da man den Eindruck hatte, „vergessen“ worden zu sein, bzw. dass die SPÖ nicht mehr für die „Menschen“ Politik mache, sondern nur mehr für die Partei. Solchen Menschen bietet und biedert sich dann die FPÖ offensiv als Alternative an, die zumindest so tut, als wäre sie eine Arbeiter-Partei, und für den Fall, dass die Probleme wie versprochen doch nicht gelöst würden, immer einen Schuldigen parat hat: Den Ausländer.

Alles in allem ist „Inland“ ein sehr gelungener Film, durchaus ein Höhepunkt der bisherigen Diagonale, eine aufschlussreiche Zustandsbeschreibung der österreichischen Gesellschaft, der offen für mehr Kommunikation, mehr Geduld, und das genaue Hinhören plädiert, und so einen Weg aufzeigt, nicht nur gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden, sondern auch jenen, die davon profitieren, das Wasser abzugraben.

Bewertung:

9 von 10 Punkten

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Bilder: © Ulli Gladik

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