Seit nun über 100 Jahren bildet die Arbeiterkammer einen der Grundpfeiler der österreichischen Sozialpartnerschaft. Der Dokumentarfilmemacher Constantin Wulff begleitet sie zum Anlass dieses Jubiläums und beobachtet wie eine Fliege an der Wand, was sich dort überhaupt so tut. Neben viel Laufkundschaft steckt dann auch noch Corona seinen Kopf zur Tür herein.

von Christoph Brodnjak

Eigentlich wäre es das Ziel gewesen, die Arbeiterkammer Wien bei ihrer Arbeit und Vorbereitungen für das Jubiläum des hundertjährigen Bestehens zu begleiten. Das war Anfang 2020. Dann grätschte auf einmal das allbekannte Virus rein. Dem Filmemacher wurde so eine Fülle an Material geradezu in den Schoß gelegt.

Zum Zugang dieses Films: es handelt sich hierbei um kein klassisches Portrait einer Institution mit Erzählerstimme aus dem Off, Interviews und Slideshows von Archivmaterial. Grundsätzliches Wissen über die Existenz und Funktion der Arbeiterkammer ist vorausgesetzt. Am nächsten kommt man einer Geschichtsstunde bei einer Gesprächsrunde, in der besprochen wird, welche Personen anlässlich des Jubiläums portraitiert werden sollen. Ansonsten sitzt die Kamera einfach der Arbeit der Juristen und Berater bei. Sei es im Büro bei dem Erstgespräch, vorn am Schalter, oder bei Teambesprechungen der Juristen und Verantwortlichen. Auch Pressekonferenzen und Plenarsitzungen des Nationalrats sind in „Für die Vielen“ zu sehen.

Herzstück des Films sind mit Sicherheit die konkreten Fälle von Arbeitnehmern, die von der Arbeiterkammer Unterstützung erhoffen. Um wieder die Brücke zu Corona zu schlagen, geht es beispielsweise konkret um die Arbeitsbedingungen rund um die Maskenproduktion bei Palmers bzw. Hygiene Austria. So wird der Arbeitsalltag gemeinsam mit konkreten Schicksalen durchaus spannend vermittelt. Allerdings findet diese Präsentation hauptsächlich in der ersten Hälfte des Films statt. Auch wäre es spannend gewesen, einen konkreten Fall von Beginn an bis zum Schluss zu begleiten, von der Beratung bis zur Gerichtsverhandlung.

Die zweite Hälfte von „Für die Vielen“ wird allein vom Thema Corona dominiert. Was auch durchaus spannend und im Grunde ein aufgelegter Elfer bei der Thematik ist. Einerseits ist es fast nett, die ersten Monate der Pandemie Revue passieren zu lassen, wo es noch Diskussionen gab, die schon wieder fast vergessen sind, Stichwort Babyelefant. Im Arbeitsalltag der Arbeiterkammer teilt sich die Thematik in zwei Stränge: Einerseits, wie die AK in ihrer Rolle als Arbeitnehmervertretung mit dieser Situation strategisch und kommunikativ umgehen sollte. Andererseits der Umgang mit der Pandemie als Betrieb selbst, in Sachen Home-Office, Infrastruktur, Zugangsbeschränkungen, Masken im Büro und derlei.

Obwohl doch gut an die zwei Stunden gehend, ist der Film durchwegs interessant, wenn auch womöglich etwas Österreich-spezifisch. Ein grundsätzliches Wissen über die Institution und handelnden Personen, als auch die jüngste österreichische Geschichte sind mit Sicherheit von Nöten. Nameneinblendungen oder Erklärungen gibt es keine. Die Kamera ist stets Stiller Beobachter und Beisitzender, ohne im Weg zu sein: Viele Aufnahmen von Büroräumen, aber auch weite Totalen von Sälen und Empfangshallen, und eine geradezu meditative Montage von Wien zum Abschluss. Das Tempo und die Präsentation sind teilweise geradezu einlullend – im positiven Sinne. Stilistisch ist der Film auf jeden Fall attraktiver, als es manche österreichische Dokumentationen sonst sind – hat man „Brot“ (2020) gesehen, hat man auch „Bier! Der beste Film, der je gebraut wurde“ (2019) gesehen. Kennt man „Inland“ (2019) kennt man auch „Der Schönste Platz auf Erden“ (2020).

Fazit

„Für die Vielen“ ist auf jeden Fall zu empfehlen, solange man ungefähr mit der österreichischen Innenpolitik vertraut ist. Ansonsten fehlt eventuell gerade in der zweiten Hälfte etwas bezüglich des mit einem gewissen Wiedererkennungswert verbundenen Unterhaltungsfaktors. Aber allein für das Beisitzen beim regulären Arbeitsalltag sind es die zwei Stunden wert. Ab 23.9. in Österreich im Kino.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

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Bild: (c) Stadtkino Filmverleih