In den letzten 25 Jahren starben 30.000 Menschen im Mittelmeer. Tausende sind in anonymen Gräbern bestattet, wieder tausende werden vermisst.

Die Insel Lesbos. Bunte Berge aus angespülten Bootswracks und Rettungswesten stechen aus der kargen Landschaft der Steinküste hervor. Die Menschen, die hier leben und arbeiten, erleben die Tragödien hinter diesen Hinterlassenschaften hautnah mit, für viele gehört die Auseinandersetzung mit den Toten zu ihrem Beruf.

Mitarbeiter der Küstenwache erhalten eine Schulung in der Dokumentierung unbekannter Verunglückter. Menschen werden Nummern, um wieder Menschen werden zu können. Gärtner auf einem Friedhof der Namenlosen verwandeln ein wucherndes Durcheinander in einen Ort der Besinnung.

Wechsel nach Wien. Das Meeresrauschen hallt im leisen Plätschern der Donau nach. Hier fand ein junger Mann, dem fast alles genommen wurde, eine neue Heimat. Unglaubliche dreizehn Familienmitglieder verlor Farzat Jamil, der aus Syrien geflüchtet ist bei der gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer, unter ihnen seine Mutter. Mit steinerner Mine gibt er dem österreichischen Roten Kreuz eine Personenbeschreibung der Frau, die er seitdem weder tot noch lebendig wiedergesehen hat. Dann allerdings brechen die Züge des Mannes auf, als er es schafft, seinen Vater und seine Schwestern zu sich zu holen. Es sind gebrochene Menschen mit ungebrochenem Willen. Stark sein um Trost spenden zu können, das ist das Credo, das die Überlebenden weiter am Leben hält.

Regisseurin Nathalie Borgers wirft in „The Remains“ einen intimen Blick hinter die Schreckensschlagzeilen und illustriert die Thematik um das Massengrab Mittelmeer im größeren und kleineren Kontext.

Ruhig und unkommentiert begleitet Borgers Menschen, deren Lebenswelt vom Tod geprägt ist und schafft mit ebendieser Objektivität ungeheure Unmittelbarkeit. Selten erlebt man im Film ungescriptete Emotionalität so direkt und unverfälscht. „The Remains“ erschüttert, schenkt aber auch die selbe Hoffnung, die Farzats Familie in Bezug auf eine Zusammenführung hegt, die Hoffnung auf Menschlichkeit. Es gibt sie noch, das machen uns Borges und die von ihr abgebildeten humanitären Kräfte unmissverständlich klar. Den Toten eine würdevolle letzte Ruhestätte zu gewähren, das ist der Wunsch, der die beiden Erzählstränge miteinander verknüpft. „Im Meer gibt es kein Grab.“, meint Farzats Vater und formuliert mit diesen einfachen Worten eine tiefgründige Weisheit, die auf einer ganz und gar menschliche Weise berührt.

„The Remains“ ist in all seiner Einfachheit kein einfacher Film und bezieht das Publikum mitten in den Trauerprozess der Hinterbliebenen hinein. Genau deswegen ist es aber ein gleichsam wichtiges Werk, dass ganz im Sinne der Gattung Dokumentarfilm ein schwerwiegendes Zeitdokument darstellt. Zahlen und Statistiken nehmen menschliche Form an, sie bekommen Namen und Gesichter, die mahnen, den Blick nicht abzuwenden.

Rating:

87/100

von Daniel Krunz

Bilder: © Thimfilm Navigator Film