Bereits vor einem Jahr wurde auf der Diagonale 2018 das Filmprojekt des Nature Theater of Oklahoma, also von Pavol Liska und Kelly Copper, vorgestellt, das im Zuge des steirischen herbst (unter Mitwirkung der heutigen Wiener Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler) entstanden war: Man wagte sich an die Verfilmung von Elfriede Jelineks opus magnum „Die Kinder der Toten“, die mit Laiendarstellern, auf Super 8-Film und großteils ohne Dialoge stattfinden sollte. Die Mischung aus steirischem Heimatfilm, Horror-Trash, Zombiefilm und Stummfilm-Hommage strotzt zwar vor kreativen Einfällen, ergibt aber kein stimmiges Ganzes, und ist am Ende für den Zuschauer eher ermüdend als unterhaltsam oder gar erhellend.

von Christian Klosz

Liska und Copper verwandeln Jelineks Buchvorlage in ein hochstilisiertes, detailliert durchdachtes audio-visuelles Erlebnis, ein elaboriertes filmisches Planspiel aus Bildsequenzen und Soundfetzen, auf das man sich einlassen (wollen) muss. Es mag Menschen geben, denen das gelingt, und die einen Mehrwert beim Betrachten des Films erkennen mögen – meiner Person war eine solche Erfahrung nicht vergönnt. Unbestreitbar ist natürlich der Einfallsreichtum der Filmemacher, anfangs wirken einige der kreativen Ideen des Regie-Paares noch amüsant bis erheiternd, die absichtlich eingesetzten und oft zeitlich versetzten Soundeffekte, die Text-Einblendungen, die wie im Stummfilm Dialoge ersetzen, sind durchaus unterhaltsam. Mit Fortdauer des Films verliert aber auch das seinen Überraschungswert, wird das Ganze zunehmend anstrengend und mühsam bis hin zur Langeweile, die unbedingte Wille zum Artifiziellen wirkt bald eher abstoßend als einladend.

Jelineks Buch behandelt Fragen nach dem Umgang Österreichs mit dem Nationalsozialismus und seiner Vergangenheit. In der Film-Adaption ist diese thematische Klammer zwar vorhanden, gerät aber ob des Bombardements mit Sound- und Bildcollagen schnell in den Hintergrund. Wirkliche Höhepunkte in „Die Kinder der Toten“ zu finden fällt schwer, erwähnenswert ist die Filmmusik von Wolfgang Mitterer, die moderne Jazzklänge mit klassischen Tönen und steirischer Blasmusik vermählt, und so einen der wenigen roten Fäden spannt, die den Film zusammenhalten.

Insgesamt ein schwieriger Film, der das Publikum spalten wird, wie schon bei den Diagonale-Screenings zu sehen war: Bei wenigen Filmen verließen derart viele Besucher noch vor Filmende den Kinosaal. Wer auf avantgardistischen Experimentalfilm steht, wenig Wert auf Narration und Inhalt legt und sich für ausgedehnten Stilwillen begeistern kann, wird auch an „Die Kinder der Toten“ Gefallen finden; allen anderen ist dringend von einem Kinobesuch abgeraten (ab 5.4. möglich, wo der Film regulär im Kino startet), sofern man nicht 1.5. Stunden seiner Lebenszeit vergeuden möchte.

Rating:

35/100

Bilder: © Ulrich Seidl Filmproduktion

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