Erst letzte Woche wurde bekannt, dass die deutsche Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die Beschlagnahmung des Titels „Dawn of the Dead“ aufgehoben hat, was praktisch bedeutet, dass die ungeschnittene Fassung des Filmes wieder in der Bundesrepublik vertrieben werden darf. Grund genug für das Festival „/Slash einhalb“ einen Bonustag einzulegen und eine Sondervorführung von George A. Romeros Zombieklassiker zu veranstalten, zu der auch der Darsteller Richard France geladen war, der zufällig gerade in Wien weilte.

von Daniel Krunz

„When there’s no more room in hell, the dead will walk the earth.“

Es ist wahrlich die Hölle auf Erden. Die Toten erheben sich mit einem Heißhunger auf die Lebenden. Romero setzt dort ein, wo er zehn Jahre zuvor mit „Night of the Living Dead“ aufgehört hatte und steigt mitten in die dämmernde Zombieapokalypse ein, die zur großflächigen Bedrohung geworden ist. Vier Menschen entfliehen dem Schlachtfeld der Großstadt und verschanzen sich in einem verlassenen Einkaufszentrum. Doch die Überlebenskämpfer sind nicht alleine, denn auch die Untoten zieht es instinktiv an diesen Ort zurück, der ihnen zu Lebzeiten viel bedeutet hat.

Wenn ein Palast des Konsums zur letzten Bastion der Menschheit wird, wittert man unweigerlich gesellschaftskritische Töne. Hirnlose Zombies schlurfen zu Fahrstuhlmusik durch glänzende Kaufhaushallen, während sich die Lebenden mit Luxusgütern eindecken. Im Angesicht des Ausnahmezustands zeigt die Menschheit ihr wahres Gesicht. Der Blutrausch der Wiedergänger ist ansteckend, selbst wenn man nicht gebissen wird. Im ländlichen Amerika wächst die Zombiejagd zum Volksfest heran und die untoten Menschenfresser inspirieren zu Sozialkannibalismus. „They’re us.“, heißt es in einer ikonischen Ansprache und die Landplage wird als grotesk verzerrtes Spiegelbild einer verrohenden Gesellschaft entlarvt.

Es sind diese vielen kleinen Nuancen, die „Dawn of the Dead“ zu einem vielschichtigen Klassiker machen. Im Wandel der Zeit erkannte auch die Kritik immer mehr die Bedeutung dieses Werkes, das bei seiner Premiere ob seiner Brutalität für heftige Kontroversen sorgte. Tatsächlich wartet Romeros Opus für das Jahr 1978 mit Gewaltdarstellungen von nie dagewesener Explizität auf, für die sich Make Up Großmeister Tom Savini verantwortlich zeichnet. Wenn auch nach heutigen Standards des Zeigbaren schwer nachvollziehbar, muss „Zombie“, so der Titel für den europäischen Markt, als revolutionäres, verstörendes Kino wahrgenommen werden, das nicht nur die Konventionen des Horrorfilms sprengte.

Daher wäre es denkbar ungerecht, „Dawn of the Dead“ als ein reißerisches Splatterfest abzutun. Die blutigen Einlagen sind zwar ein essentieller Bestandteil der Erzählung, doch nur eine Facette in ihrem breitgefächerten Spektrum, eine drastische Veranschaulichung kollektiver Gewaltbereitschaft. Romero erforscht den von ihm geschaffenen Kosmos mit größter Neugier und begeht eine abenteuerliche Gratwanderung zwischen Horror, Action, Satire und existenzialistischer Analyse.

Laut Ehrengast Richard France, der für seine Rolle als prophetischer Wissenschaftler berühmt wurde, waren diese Untertöne weniger geplant, als Ergebnis der Umstände und Romeros aufgeschlossener Arbeitsweise. Für ein Kunstwerk dieser Breitenwirkung ist die Intentionalität aber ohnehin nicht im Fokus der Rezeption. Vielmehr lebt das Kultstück von seinem offenen Interpretationsrahmen und subjektiver Wahrnehmung. France, der am Tag des Screenings seinen 81. Geburtstag feierte, stellte sich geduldig einem ausführlichen Q&A, signierte Fanartikel und wurde dafür mit Ständchen und Torte honoriert.

Was heute eine Grundfeste der Unterhaltungsindustrie ist, begann bei Romero: Der Zombiemythos. Allein wegen dieser späteren Verselbstständigung ist Romeros Genremanifest ein Werk mit unverkennbarem historischen Stellenwert. Der Ausnahmekünstler eröffnete eine neue Welt und bescherte dem Horrorfilm soziale Aussagekraft.

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