Nun sind sie also Geschichte, die 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes, die heuer vom 14. bis zum 25. Mai an der Côte d’Azur abgehalten wurden. Es war ein Jahr mit einer großen Bandbreite an Genres, geeint vor allem durch ihren vermehrt politischen Fokus. Und politisch waren auch die Themen, die das heurige Festival dominierten. Die wichtigsten Ereignisse haben wir für euch zusammengefasst.

von Paul Kunz

Der Gewinner des Hauptreises, der begehrten Goldene Palme, wurde Samstagabend von Jury-Präsident Alejandro Gonzáles Iñárritu verkündet: Sie ging an „Parasite“, eine Horrorkomödie des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho. Es handelt sich um eine Kapitalismusparabel um eine ärmliche Familie, die ins Milieu der Superreichen eindringt.

Die Gewinner

Den Großen Preis der Jury gewann die französische Regisseurin Mati Diop, eine der vier Frauen, die heuer im Wettbewerb vertreten waren. Sie wurde für ihr Spielfilmdebüt „Atlantique“ ausgezeichnet, ein Liebesdrama über eine Frau aus Dakar, die mit einem ihr unbekannten Mann verheiratet werden soll. Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne wurden für ihre Regiearbeit in „Le Jeune Ahmed“ geehrt. Erzählt wird darin von einem belgischen Jugendlichen und dessen Radikalisierung durch einen hasserfüllten Imam. Für das Beste Drehbuch wurde die französische Drehbuchautorin und Regisseurin Céline Sciamma für „Portrait of a Lady on Fire“ ausgezeichnet, in dem sich eine Malerin des 18. Jahrhunderts einer Dame annähert, die sie porträtieren soll.

Gleich zwei Filme erhielten heuer der Preis der Jury: Sowohl die brasilianische Sci-Fi-Polit-Allegorie „Bacurau“, als auch die französische Milieu-Studie „Les Misérables“ über Gewalt in Pariser Vororten wurden ausgezeichnet. Die Darstellerpreise gingen an die Britin Emily Beecham für ihre Rolle als Pflanzenforscherin im Sci-Fi-Thriller „Little Joe“ der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner, sowie an Antonio Banderas, der in Pedro Almodóvars semi-autobiographischem „Dolor Y Gloria“ das Alter Ego des Regisseurs verkörpert.

Wenngleich der Trend bei der Auszeichnung zu sozialkritischen Filmen neigte, betonte Iñárritu, dass die Jury-Entscheidung nicht durch politische Inhalte motiviert gewesen sei. Jeder Film müsse für sich selbst sprechen. Auffallend war außerdem die Tendenz der Jury, jüngere Filmschaffende auszuzeichnen.

Die Themen

Der Menge rief Tarantino die Worte „Vive le cinéma“ entgegen und nahm damit Bezug auf ein dominantes Thema der diesjährigen Festspiele: das Kino und dessen Zukunft im Zeitalter des Streamings. Es ist eine wiederkehrende Streitfrage, die Cannes dazu veranlasste zum wiederholten Mal keine Netflix-Filme im Programm zu haben. Dennoch hat Netflix inzwischen die Rechte an zwei der heurigen Cannes-Filme gekauft: sowohl „Atlantics“, als auch „I Lost My Body“ werden auf der Streamingplattform zu sehen sein.

Zu den weiteren Highlights des Fstivals gehörte die Premiere des schrillen Musical-Biopic „Rocketman“ über Musiklegende Sir Elton John, dessen Anwesenheit britischen Glamour an die französische Küste brachte. Der Film wurde außer Konkurrenz gezeigt. US-amerikanisches Flair brachten dagegen Leonardo DiCaprio, Brad Pitt und Margot Robbie zur Croisette, die zur Premiere von Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ angereist kamen. Tarantinos Ode an das Hollywood-Kino einer vergangenen Zeit gewann zwar keinen Preis, die Premiere versetzte aber unzählige Fans in große Euphorie.

Ein weiteres dominantes Thema war die Repräsentation weiblicher Filmschaffender bei den Festspielen. Heuer sind vier der 21 Filme im Wettbewerb um die Goldene Palme unter weiblicher Regie entstanden. Festivalleiter Thierry Fremaux erklärte, dass er Zahl zwar gerne erhöhen möchte, verwies jedoch auch darauf, dass Cannes lediglich das Ende der Kette sei. Man müsse bei Filmschulen ansetzen, um Frauen im Film zu fördern. Die prämierte „Atlantics“-Regisseurin Mati Diop hingegen meinte, Festivals seien der logische Beginn, um die Aufmerksamkeit auf die Filmarbeit von Frauen zu lenken.

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