Die ursprünglich aus Israel stammende Regisseurin Tali Shalom-Ezer widmet sich nach ihrem Debütfilm „Princess“ ein weiteres Mal zwei hochbrisanten Themen: In „My Days of Mercy“ greift sie einerseits das Sujet der Todesstrafe, andererseits das der gleichgeschlechtlichen Liebe auf. Beide Themen werden bekanntlich weiterhin höchst kontrovers diskutiert. Knapp zwei Jahre nach seiner Premiere im Rahmen des Toronto Filmfestivals kommt das Drama am 12. Juli auch hierzulande in die Kinos.

von Elli Leeb

Lucy (Ellen Page) und ihre große Schwester Martha (Amy Seimetz) reisen so oft wie möglich mit ihrem Wohnmobil durch die US-Staaten. Dabei geht es ihnen allerdings nicht darum, die Welt zu erkunden, ganz im Gegenteil: Der Vater (Elias Koteas) der beiden sitzt im Todestrakt eines amerikanischen Gefängnisses, da davon ausgegangen wird, dass er seine Ehefrau umgebracht hat. Die beiden Schwestern sind von seiner Unschuld überzeugt und da das Datum seiner Hinrichtung laufend näher rückt, versuchen sie aktiv an diversen Demonstrationen in den USA teilzunehmen, um für die Abschaffung der Todesstrafe zu plädieren. Auf einem dieser Streikposten trifft Lucy auf die aus einer konservativ-christlichen Familie stammende Anwaltsgehilfin Mercy (Kate Mara), die ihr schöne Augen macht. Entgegen ihrem Namen – der auf Deutsch so viel wie Gnade bedeutet – ist Mercy allerdings eine überzeugte Befürworterin der Todesstrafe.

Beide vertreten völlig konträre Standpunkte, dennoch versuchen sie, so gut es geht, diese Tatsache nicht zwischen sich stehen zu lassen. So wird der Fokus des Spielfilms, wie auch der Titel schon vermuten lässt, auf die amouröse Beziehung zwischen den beiden Frauen gelegt und die Thematik der Todesstrafe zweitrangig.

Die beiden Hauptdarstellerinnen, die hier auch als Produzentinnen fungieren, punkten mit gewohnt überzeugender schauspielerischer Dynamik und stellen somit das Herzstück von „My Days of Mercy“ dar. Die leidenschaftlich inszenierten Liebesszenen sind stets geschmackvoll und an keinem Punkt zu freizügig, dennoch wird die Leidenschaft gekonnt zwischen den beiden vermittelt. Sowohl Page („Juno“) als auch Mara („House of Cards“) verkörpern ihre konträren Figuren auf mimischer und verbaler Ebene durchwegs überzeugend. Regisseurin Shalom-Ezer scheint sich jedoch in der Prämisse, gleich zwei schwierige Thematiken in einem Film zu behandeln, zu verlieren. Die leidenschaftlichen Begegnungen der beiden Protagonistinnen sind nicht zuletzt dank raffinierter Kameraeinstellungen von großem Schauwert. Das zweite Thema „Todesstrafe“ und die damit verbunden Konflikte rücken aber so immer weiter in den Hintergrund. Für so ein wichtiges Thema, das im Allgemeinen auf der Leinwand eher selten im Vordergrund steht, wäre in einem Film wie „My Days of Mercy“ noch durchaus mehr Platz gewesen.

Die Atmosphäre des Films ist trotz der im Vordergrund stehenden liebevollen Inszenierung der beiden jungen Frauen die ganze Zeit hindurch mit einem gewissen intendierten Schwermut belastet. Einerseits schwingt der Gedanke an die zum Tode Verurteilten sowie die anstehende Hinrichtung des Vaters der beiden Schwestern stets im Hintergrund mit. Zum anderen ist bald klar, dass die Beziehung zwischen der aufgrund ihres jungen Alters noch recht unsicheren Lucy sowie der um einiges älteren, aus einer konservativ-christlichen Familie stammenden Mercy nicht von ewiger Dauer sein kann.

Fazit

„My Days of Mercy“ behandelt an der Oberfläche auch in der heutigen Zeit immer noch kontrovers diskutierte – und somit wichtige – Themen: Einerseits gleichgeschlechtlichen Liebe und andererseits die Todesstrafe, wobei letztere als Sujet im Verlauf des Films eher zweitrangig wird. Der Film punktet vor allem mit überzeugenden Schauspielleistungen dank Natürlichkeit und stets authentischer Sprache und Mimik, die vor allem bei Page und Mara stark zum Ausdruck kommen. Innerhalb der 108 Minuten langen Laufzeit bleibt zwar einiges an Potential liegen und führt Regisseurin Shalom-Ezer nicht jeden Gedanken adäquat zu Ende, insgesamt versteht es „My Days of Mercy“ dennoch, sowohl zärtliche als auch schwermütige Gefühle gekonnt zu vermitteln.

Bewertung

6 von 10 Punkten

Bilder: Kinostar Filmverleih

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