Ein Filmjahr muss arm an Highlights sein, wenn die dritte Auflage eines 40 Jahre alten Films zu den spannendsten Kinostarts dieser Monate zählt; dennoch sollte man Francis Ford Coppolas Meisterwerk nicht Unrecht tun: Jede Aufführung auf der großen Leinwand hat ihre Berechtigung, dass Constantin Film den nun wohl finalen Cut von „Apocalypse Now“ zum Jubiläum in sein reguläres Programm aufnahm und Interessierten sogar ein Pressescreening anbot ist umso lobenswerter. Die Frage, die sich eher stellt, ist, ob es diesen „Final Cut“, nach der Originalversion von 1979 und der längeren Redux-Version, wirklich braucht, und er aus dem hinlänglich bekannten und anerkannten Originalmaterial wirklich Neues und Sehenswertes zutage fördern kann.

von Christian Klosz

Für die Uneingeweihten: „Apocalypse Now“ ist Francis Ford Coppolas opus magnum, ein erbarmungsloser, surrealer und hypnotischer Trip ins Herz der Finsternis des vietnamesischen Dschungels und der condition humana, eine faszinierende und zugleich abstoßende Abrechnung mit der Menschheit und eine ungewöhnliche und höchst ästhetisierte filmische Verarbeitung des kollektiven US-amerikanischen Vietnam-Krieg-Traumas. Was den Film von anderen, vergleichbaren Filmen abhebt, ist sein unbedingter Stilwille und die bewusste Abkehr vom in diesem Genre üblichen Realismus, um die Unwirklichkeit des Krieges umso eindrücklicher abzubilden: The horror, the horror.

Robert Duvall in Coppolas „Apocalypse Now – Final Cut“

Von dieser grausamen Magie hat auch der „Final Cut“ nichts eingebüßt. Laut Regie-Statement von Coppola vor dem Film wurden einige Stellen aus der 79-er-Version, die in der Redux-Version entfernt worden waren, wieder hineingenommen, während einige Szenen aus der Redux-Version entfernt bzw. gekürzt wurden: Der Final Cut ist so, laut Coppola, ein „Mittelding“ aus beiden, was sich auch in der Länge von gut 3 Stunden zeigt, die sich zwischen den beiden anderen Fassungen einpendelt – und laut Coppolas Aussage natürlich die beste Version von allen, zumindest aber seine persönliche Lieblingsversion. Sichtbar werden die Adaptionen und Abweichungen vor Allem an 3 Stellen: Zum einen wurden die Playmate-Sex-Szenen herausgeschnitten, jene Sequenzen, wo sich die Soldaten mit Playboy-Bunnies vergnügen, um das Grauen des Krieges für einige Stunden hinter sich zu lassen – möglicherweise ein Zugeständnis an die #metoo-Diskussionen und die political correctness. Die berüchtigte Plantagen-Szene, die im Original nicht entahlten war, dafür aber in der Redux-Version, wurde – in gekürzter Form – wieder hineingenommen. Ohne viel an der Essenz des Films zu ändern, wirkt sie immer noch wie ein Fremdkörper. Es ist verständlich, dass Coppola so versessen auf diese Sequenz ist, ist sie doch vor Allem stilistisch ein wahrer Augenschmaus. Zum Film als Ganzes trägt sie aber nichts Positives bei, sondern bewirkt eher einen dramaturgischen Bruch, der den Erzählfluss stört. Schließlich wurde auch noch das Finale adaptiert, die Bombenxplosionen, die im Original in Verbindung mit der Tötung von Colonel Kurtz den atemberaubenden Klimax bilden, wurden herausgeschnitten, wodurch dem Ende etwas die Wirkung geraubt wurde.

Marlon Brando in „Apocalypse Now – Final Cut“

Fazit:

Wie wirken sich diese Änderungen nun auf die Gesamtbewertung von „Apocalypse Now – Final Cut“ aus? Der Film ist und bleibt natürlich ein Meisterwerk, und unbedingt sehenswert. Im Vergleich zu den beiden anderen Versionen hat dieser finale Schnitt dennoch knapp das Nachsehen, während die 79-er-Version weiterhin als perfekt zu bezeichnen ist, wirkt auch die Redux-Version in sich stimmiger. Für alle jene, die diesen filmischen Meilenstein bisher nicht oder nicht auf der großen Leinwand gesehen haben, bietet der Final Cut dennoch die seltene Gelegenheit, dies nachzuholen. „Apocalypse Now – Final Cut“ ist ab 15.7. in unseren Kinos zu sehen. In Wien zeigen das Gartenbaukino und das Burg Kino den Film in englischsprachiger Originalfassung.

Bewertung:

9 von 10 Punkten

Bilder: Constantin Film

Werbeanzeigen