Dass der technische Fortschritt oft nicht nur der menschlichen Verarbeitungskapazität davongaloppiert, sondern auch den natürlichen Ressourcen und den eigentlichen Notwendigkeiten, ist hinlänglich bekannt: Dass Autos viel schneller fahren könnten, als 130, weiß jeder – aus Rücksicht auf die Verkehrssicherheit und, zuletzt, auch vermehrt auf die Umwelt gibt es aber seit längerem Geschwindigkeitsbegrenzungen, die die technischen Möglichkeiten mit Vernunft regulieren. Das ist ein vollkommen natürlicher Vorgang, der seine Zeit benötigt: Wird ein neues Gerät, eine neue Technik erfunden, ist meist noch nicht absehbar, welche Konsequenzen das mit sich bringt.

von Christian Klosz

Die größten technischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte passierten fraglos auf dem Gebiet der modernen Kommunikation und der Datenübertragung: Heute ist es jedem möglich, innerhalb von Sekunden mit einem Menschen am anderen Ende der Erde per Video-Chat zu kommunizieren, von der „anonymisierten“ Kommunikation per Internet bzw. Websites ganz zu schweigen. Diese Entwicklungen, die Möglichkeiten, die der technische Fortschritt mit sich brachte, wurden lange Zeit nicht hinterfragt, die Nachfrage folgte dem Angebot, was verfügbar war, galt als state of the art, neu war besser und mehr sowieso am besten. Die Fragen, ob diese Entwicklungen wirklich einen Fortschritt, eine Verbesserung des Lebensqualität oder einen kulturellen Mehrwert hatten, wurde selten bis nie diskutiert. Nur langsam – und meist indirekt – setzte in den letzten paar Jahren ein kritisches Hinterfragen der Möglichkeiten des digitalen Wandels ein, hielten Schlagworte wie Digital Detox Einzug in öffentliche Diskussionen.

Zwei der grundlegendsten Veränderungen durch die Digitalisierung sind einerseits die auch durch Smartphones mitverursachten neuen Kommunikationstechniken (WhatsApp, Social Media, Video-Chat, Blogs…; ständige Verfügbarkeit immer und überall), andererseits die neuen Wege der Distribution und Aneignung medialer und kultureller Produkte wie über Videokanäle wie Youtube und Streamingplattformen wie Netflix. Nicht nur ändern sich dadurch die subjektiven Möglichkeiten (folgend der Logik: mehr ist besser), sondern auch die Art und Weise, wie im konkreten Fall Filme konsumiert werden und wie, wann und wo darüber kommuniziert wird.

Schädliche Videos

Eine neue, beachtenswerte Studie zeigt nun erstmals die negativen Effekte dieser Entwicklungen auf – und zwar nicht auf individuell-psychologischer, sozialer oder kultureller Ebene, sondern bezüglich des Klimas: Ganze 4 % des CO2-Ausstoßes gehen inzwischen auf das Konto des weltweiten Datenstransfers und seiner Infrastruktur, wie der französische Think-Tank The Shift Project in seiner Studie belegt. Zum Vergleich: Der inzwischen als „Umweltschädling“ anerkannte Flugverkehr macht nur 2.5. % aus. Die 4% beziehen sich sowohl auf die Energiekosten für die IT-Infrastruktur, als auch auf die eigentliche Datennutzung. Schädlich ist das Ganze deswegen, weil jede Rechnertätigkeit natürlich Strom verlangt. Und da die Stromerzeugung noch überwiegend auf fossile Brennstoffe zurückgreift, wird eine große Menge CO erzeugt.

Den größten Anteil an den weltweit übertragenen Daten machen inzwischen Online-Videos aus, die riesige Datenmengen verschlingen: 80% aller Daten gehen auf das Konto von „Bewegtbildern“ (Text-Daten wie zB. Wikipedia machen nur einen Bruchteil der Datenmengen aus). Und HD-Filme benötigen noch einmal größere Datenmengen als „normale“ Videos.

Eine Frage ist auch, über welche Distanz die Daten transportiert werden. Hier gilt: Je kürzer der Weg, desto unschädlicher die Übertragung. Deshalb plädiert der Studienautor Maxime Efoui-Hess dafür, Filme und Serien, wenn möglich, über das analoge Fernsehen zu konsumieren. Das verbrauche zwar auch Strom, hier würden die Daten aber meist nur national oder über kurze Distanzen übertragen und nicht durch die halbe Welt wie bei Internet-Videos, Livestreams oder Streaming. Eine andere, noch unschädlicher Variente ist natürlich die DVD oder BluRay, wo es zu keinen Datenübertragungen kommt (wobei hier natürlich der Energieverbrauch bei der Herstellung des Mediums in Betracht zu ziehen ist.)

Digitale Hygiene: Back to the roots

Lutz Stobbe, der am Fraunhofer-Institut für Mikroelektronik und Zuverlässigkeit in Berlin forscht, und sich mit ähnlichen Phänomenen beschäftigt, plädiert zudem für eine „digitale Hygiene“: Der Konsument sollte seine Geräte, das Internet, Medien und vor Allem Streamingdienste bewusster nutzen. Denn es ist nicht immer und unbedingt notwendig, Filme auf dem Smartphone in HD zu schauen, wenn diese auch im Kino, im TV, auf BluRay oder in geringerer Auflösung am Laptop gesehen werden können. Auch sollte jeder darauf achten, welche Daten er seinerseits durchs Netz jagt, denn jedes in der Cloud abgelegte Foto benötigt Speicherplatz, was wiederrum Energie verbraucht. Fazit: Ein bewussterer Umgang mit Daten und Medien, mit den neuen Kommunikationstechnologien kann so nicht nur einen individuellen Vorteil für den Konsumenten bringen, sondern kommt auch der Umwelt zugute und ist eine kleine, aber feine Maßnahme gegen den Klimawandel.