Die Rezeption von Film läuft – insbesondere in Cinephilen-Kreisen – oft anhand der Konfliklinie „Arthouse vs. Genrefilm“. Beiden Seiten haben ihre Fürsprecher und Gegner, die gegenseitigen Vorwürfe bedienen sich meist der gleichen Vorurteile: Die Kunstfilm- und Arthouse-Anhänger halten den Genrefilm für zu oberflächlich, massentauglich, mainstreamig, amerikanisch oder gar banal, während Genre-Aficionados der Gegenseite nicht selten ein „elitäres“ Filmverständnis oder Kultursnobismus vorwerfen. Der (qualitativ anspruchsvolle) Genrefilm hat insbesondere in den letzten Jahren vermehrt Beachtung bekommen, wozu auch Filmfestivals wie das /Slash oder das Fantasy Filmfest in Deutschland beitragen, während sich die Viennale unter neuer Führung vollkommen vom Genre-Kino zu verabschieden scheint.

von Christian Klosz

Wir bei Film plus Kritik waren immer der Meinung, dass sich diese beiden Zugänge nicht ausschließen (sollen), dass sowohl das (Mainstream-) Genre-Kino, als auch der (internationale) Arthouse-Film seine Meisterwerke hervorgebracht hat; ein sowohl-als-auch, das einen möglichst breiten Kinobegriff vermitteln soll.

Ein Werk, das in die Rezeptionsmühlen geriet und dort beinahe zermahlen wurde, war „Die Agentin“ („The Operative“), ein Film, der bei der traditionell eher kunstfilmlastigen Berlinale im Wettbewerbsprogramm 2019 seine Premiere feierte – und fast ausschließlich Verrisse erntete. „Ganz nett, aber nichts Besonderes“ waren noch die netteren Kritiken, ein Filmjournalist fragte sich gar, wie es möglich sei, mit einem solchen Film im Wettberwerb eines großen Festivals zu landen. Die Vorwürfe reichten von „spannungsarm“ über „generisch“, „oberflächlich“ oder „dramaturgisch schwach“. Am 30.8. bringt nun der Filmladen den Film regulär ins Kino – und dieser entpuppt sich entgegen der Unkenrufe als positive Überraschung des bisher überraschungsarmen Kinojahres.

Martin Freeman und Diane Kruger in „Die Agentin“

„Die Agentin“ Rachel (Diane Kruger – eine Idealbesetzung), eine Deutsche mit teils jüdischen Vorfahren, heuert beim israelischen Geheimdienst Mossad an. Ihr Kontaktmann Thomas (Martin Freeman) schickt sie in den Iran, wo sie, getarnt als Englisch-Lehrerin, diverse Spitzel- und Spionagetätigkeiten durchführen soll. Sie verliebt sich in eines ihrer Observations-Objekte, den iranischen Geschäftsmann Farhad (Cas Anvar), die beiden beginnen eine Affäre, während Rachel in Farhads Unternehmen Informationen für den Mossad besorgt. Als der Geheimdiesnt auch Farhad zum „Überlaufen“ zwingen will, setzt sich Rachel ab und verschwindet im Nichts. Der Mossad begibt sich unter Mithilfe von Thomas auf die Suche nach der ehemaligen Agentin, die gefährliche Infos über deren Aktivitäten in ihren Händen hat, und deshalb eine große Gefahr darstellt.

Gelungener Spionage-Thriller mit Tiefe

Die bisherige, vorwiegend negative Rezeption lässt sich nur damit erklären, dass „The Operative“ vielen kunstfilmgeeichten Filmjournalisten zu stringent, zu geradlinig, zu amerikanisch war, und so die Erwartungshaltung an einen Berlinale-Wettbewerbsfilm brach. Tatsächlich muss man die Leistung des israelischen Regisseurs Yuval Adler hochschätzen, der hier einen der besten Mainstream-Thriller der letzten 2, 3 Jahre geschaffen hat: Durchwegs spannend, inhaltlich und dramaturgisch anspruchsvoll, inszenatorisch hochwertig und toll gespielt, das sind die Attribute, die zu passen scheinen.

Auch die komplexe und in Rückblenden erzählte Handlung trägt dazu bei, dass das Spannungslevel durchwegs hoch bleibt. „The Operative“ ist aber nicht nur ein formal gelungener Spionage-Thriller, er bietet auch interessante kulturelle Einblicke: Wie es innerhalb des Mossad zugeht, wissen wohl die wenigsten aus erster Hand, fast noch interessanter ist die Darstellung der teheranischen „Doppelkultur“ in die auch Rachel allmählich eintaucht – nach außen prüde-islamisch, im Privaten westlich-freizügig; eine gelungenes Abbild einer zerrissenen Kultur, die die Auswirkungen der islamischen Revolution nur durch die Ausformung einer kulturellen Schizophrenie verarbeiten konnte.

Ebenso zerrissen präsentieren sich die Protagonisten des Films: Allen voran Diane Kruger liefert eine Meisterleistung mit der er Darstellung der entwurzelten Rachel ab, einer Frau, die nie ein Zuhause hatte, keine Identität enwickeln konnte, stets auf der Suche ist nach irgendetwas, das ihr Halt gibt – und gerade deswegen die ideale Agentin ist. Die Kehrseite der Medaille offenbart sich, als sie diesen Halt ausgerechnet in ihrem Observationsobjekt findet: Zunächst ist das amouröse Spiel mit Farhad für sie noch Teil ihrer Tarnung, doch schrittweise verschwimmen die Grenzen zwischen (Agentinnen-)Rolle und realer Person immer mehr, bis die (emotionale) Realität die Oberhand über die (emotionslose) professionelle gewinnt.

Fazit

Die Vorwürfe a la „zu generisch“, „zu altmodisch“ oder „zu wenig innovativ“ gegen „Die Agentin“ gehen allesamt ins Leere: Der Film versucht nie, das Rad neu zu erfinden, und behauptet auch nie, das zu wollen. Regisseur Yuval Adler hält sich durchaus an Genre-Konventionen des Spionage-Thriller, ringt diesen aber immer wieder höchst interessante und neue Aspekte ab und befüllt sie mit hochwertigem Inhalt: „Die Agentin“ ist ein spannender und geradliniger Thriller auf internationalem Niveau, toll gespielt und packend bis zum (unerwarteten) Finale. Absolut sehenswert.

Bewertung

9 von 10 Punkten

Bilder: © Luna Filmverleih / Kolja Brandt

Werbeanzeigen