„Sommermärchen“, Synonym für eine selbstbewusste Zur-Schau-Stellung deutschen Patriotismus‘ im Zuge der Fußball-WM 2006, etwas, das bei unseren Nachbarn wegen einschlägig bekannter Vergangenheit lange Zeit verpönt war, und das im genannten Kontext eine neue, positive Konnotation bekommen hatte. Positive Konnotationen für Jan Bonnys neuen Film „Wintermärchen“ sucht man lange, der Titel lässt sich vielfältig deuten, zum Beispiel als Hinweis auf eine pervertierte, „kalte“ Form des Patriotismus, den der Film zu weiten Teilen behandelt.

von Christian Klosz

„Wintermärchen“ erzählt die Geschichte von Becky, Tommi und Micky, drei Charakteren ohne Vorgeschichte, die irgendwo in einer deutschen Großstadt leben, und sich selbst gerne als „Keimzelle nationalistischen Terrors“ sehen (würden). Woher sie kommen, wird kaum beleuchtet, ebensowenig wird ihre Motivation erklärt. Vermutlich aufgrund eines allgemeinen Empfindens von Bedeutungslosigkeit, Sinnleere und Verzweiflung tötet die Gang in ihrer Freizeit ausländische Mitbürger, sich einer kruden „Reiheitsfantasie“ hingebend, deren logische Folge die Zerstörung alles „Andersartigen“, Fremden ist. Becky und Tommi werden dabei zuerst als Paar porträtiert, in dessen gemeinsame Wohnung Micky einzieht, der auch die Beziehungskonstellation durcheinander bringt – bis zum vollkommenen Verfall gegen Ende.

Regisseur Bonny geht es hier mehr um die psychologische Darstellung einer „verlorenen Generation“ als um die Beleuchtung sozialer Hintergründe oder der ideologischen Genese rechtsextremen Gedankenguts. „Wintermärchen“ erklärt nur weniges, und erklärt gerade dadurch umso mehr. Die grausamen Taten der Protagonisten werden zwar nicht verständlich, aber zumindest ansatzweise nachvollziehbar. Immer wieder versucht gerade Tommi, aus dem Teufelskreis aus Wut, Hass, (Selbst-)Zerstörung und Verblendung auszubrechen, etwa wenn er in Gesprächen mit Fremden immer wieder selbstaffirmativ beteuert: „Ich bin einer von den Guten.“ Anspruch und Wirklichkeit entfernen sich im Laufe des Film aber immer weiter voneinander, weigert er sich anfangs noch, bei den Attentaten selbst zur Waffe zu greifen, fällt gegen Ende auch diese Hemmschwelle.

Es ist nicht die einzige Hemmschwelle, die übertreten wird: Aus einer anfänglichen Zweierbeziehung zwischen Becky und Tommi wird zunächst eine Menage à trois, bis schließlich Becky verstoßen wird, und Tommi und Micky sich sexuellen Exzessen hingeben: Man kann das auch als Verlust jeglicher zivilisatorischer Schranken und Normen lesen, als Verlust jeglicher Kontrolle, wodurch sexuelle, körperliche und auch moralische Grenzen jegliche Bedeutung verlieren, Menschen kaltblütig getötet werden, oder zu austauschbaren Sexualobjekten werden, ohne Rücksicht auf Gefühle und persönliche Grenzen anderer, die Pervertierung und Zertrümmerung der Regeln einer Gesellschaft also, die man zutiefst verachtet, da sie einen (so wird es zumindest empfunden) verachtet. Chaos, Anarchie, Wahnsinn waren schon immer die Kehrseite der Medaille „absolute Reinheit“, das Kippen von einem Zustand in den anderen extremistischen Zugängen inhärent, wie uns die Geschichte ausnahmslos lehrt.

Auch das „Wintermärchen“ nimmt kein gutes Ende, soviel kann hier verraten werden, und das wird in Anbetracht der inhaltlichen Gemengelage wenig überraschen. Der Film taugt aber als eindrückliche Illustration menschlicher Verzweiflung und vollkommener Hoffnungslosigkeit und der Folgen. Aus filmtheoretischer Sicht lassen sich die durchwegs großartigen Schaupielleistungen, die ultra-realistische Inszenierung und die Kameraführung herausheben, die das „Wintermärchen“ auch stilistisch anspruchsvoll machen. Ein eigenständiger, kraftvoller und kompromissloser Film, der einem Schlag in die Magengrube gleichkommt, und vieles verständlich macht, ohne erklären zu wollen. Zweifelsohne ein Highlight des diesjährigen /Slash-Filmfestivals, wo der Film im Wettbewerbsprogramm lief, und sich zurecht Hoffnungen auf einen Preis machen darf.

Rating

81/100

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