Der als Schauspieler bekannt gewordene und überaus erfolgreiche Brite Ralph Fiennes („Grand Budapest Hotel“, „Schindler’s List“) arbeitet auch als Regisseur, nunmehr bereits zum dritten Mal. „The White Crow“ ist das vielschichtige Biopic über das sowjetische Ausnahmetalent Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko), der Anfang der 1960er Jahre mit eisernem Willen kompromisslos seiner Leidenschaft – dem Balletttanz – nachging. Rund zwei Stunden lang lässt Fiennes spürbar werden, was es bedeutete, während des Kalten Krieges in einem restriktiven sowjetischen System regelrecht gefangen zu sein – und wie sich Nurejew aus diesem letztendlich befreien konnte.

von Elli Leeb

Der junge Tänzer Rudolf „Rudi“ Nurejew (Oleg Ivenko) kommt während des Höhepunktes des Kalten Krieges als Mitglied des berühmten Leningrader Kirow-Balletts nach Paris, um vor Ort zu tanzen. Sein Ziel war es, mit seinen tänzerischen Leistungen die ganze (westliche) Welt zu erobern. In Paris genießt Rudi vor allem aber auch die westliche Freiheit, was durch das von allen Gebäuden und Skulpturen entgegenragende „Liberté“ inszenatorisch symbolisch unterstützt wird. Nichtdestotrotz wird Rudi stets im Hintergrund von Männern des sowjetischen Geheimdienstes überwacht.

Abgesehen von der Hauptfigur selbst ist Rudis Tanzlehrer Puschkin – der von Ralph Fiennes selbst verkörpert wird – die tragende Figur in „Nurejew – The White Crow“, der ab 27.9. in unseren Kinos zu sehen ist. Fiennes spielt ihn mit einer zurückhaltenden Sanftheit und gibt sich dabei überaus überzeugend. Er ist es auch, der Rudi einen entscheidenden Ratschlag mit auf den Weg gibt: Nicht allein die Technik ist beim Tanz entscheidend, sondern den Inhalten und Geschichten sollte der Vorrang eingeräumt werden. Gewissermaßen drückt dieser Zugang auch Fiennes Art, Regie zu führen, aus, da der Film visuell nicht experimentiert, sondern vielmehr klassisch dekoriertes Kino geboten wird. Fiennes scheint es mehr um die politisch interessante Geschichte beziehungsweise Historie sowie Rudi Nurejew als interessante Persönlichkeit zu gehen.

Gespielt wird das Ausnahmetalent von dem russischen Balletttänzer Oleg Ivenko, der auch optisch Ähnlichkeiten zu Rudi Nurejew aufweist. Nurejew wird als selbstbestimmter, aber auch hochgradig egozentrischer Charakter dargestellt, der mit eiserenem Willen seiner Berufung nachgehen will. Mittels Rückblenden in seine Kindheit wird bis zu einem gewissen Grad Verständnis für sein aufbrausendes Temperament und seinen Stolz geweckt. Rudis Bisexualität stellt Fiennes nicht in den Vordergrund. Vielmehr wird diese als ein Teil seines Freiheitskonzepts dargestellt – sein Leben so zu leben, wie man es für richtig hält.

Fiennes arbeitet in seiner dritten Regiearbeit die Ereignisse allerdings nicht chronologisch ab, sondern konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Angelpunkte in Rudis Leben: Seine Beziehung zum Ehepaar Puschkin, das den jungen Tänzer von Beginn an während seiner Zeit in der Sowjetischen Union fördert, sowie sein erstes Gastengagement am Pariser Palais Garnier, das zum Wendepunkt im Leben von Nurejew wird. Zwischen diese beiden Erzählebenen wird auch immer wieder Rudis Kindheit in Armut geschnitten. Das ständige Hin- und Herschneiden zwischen den Zeitebenen erscheint einem stellenweise recht mühsam und nimmt der Geschichte gewissermaßen die Möglichkeit, die potentielle Spannung zu entfalten.

Die letzte halbe Stunde lässt das Publikum dann aber doch nochmals erwachen: „The White Crow“ steuert geradewegs auf den historischen Moment am 16. Juni 1961 am Flughafen Le Bourget in der Nähe von Paris zu. Als Nurejew merkt, dass der Rest des sowjetischen Ballettensembles nach London weiterreist, und er als Einziger vom russischen Geheimdienst nach Moskau zurückgeschickt werden soll, sieht sich der auf- und freiheitsstrebende Künstler gezwungen, am Flughafen um politisches Asyl anzusuchen. Hier wird am deutlichsten, was für Fiennes die eigentliche Botschaft des Films ist: La Liberté.

Fazit

„Nurejew-The White Crow“ thematisiert die Konfrontation zwischen dem sowjetischen Staat als Kollektiv und dem Individualisten Rudi Nurejew während des Kalten Krieges. Der von Selbstbewusstsein überschäumende Balletttänzer schafft es trotz der überall auf ihn gerichteten Augen des Geheimdienstes eines unterdrückenden Staates, sich seinen Weg in ein freies Leben zu erkämpfen, bei dem er nach eigenem Ermessen dem nachgehen kann, was er liebt: Dem Tanz. Ein aufrichtiges Künstler-Biopic und ein Symbol für die Relevanz der Freiheit.

Bewertung

7 von 10 Punkten

Bilder: (c) Alamode Film

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