Mit Abel Ferrara, dem Macher des Kult-Klassikers „Bad Lieutenant“, hatte die Viennale 2019 einen echten Stargast vorzuweisen. Wir hatten die große Ehre, die Regie-Ikone zum ausführlichen Interview zu treffen, und stellten ihm Fragen zu seinem neuen Film „Tommaso“, der Rolle des Schauspielers und der aktuellen Marvel-Diskussion.

von Paul Kunz
und Daniel Krunz

Film plus Kritik: Mr. Ferrara, es ist eine große Freude, Sie hier in Wien zu haben – und genau da möchten wir auch beginnen, denn bestimmte Städte spielen ja ein große Rolle in Ihrem Leben und Ihrer Arbeit. Zuallererst New York City, Rom, wo Sie zur Zeit leben, aber auch Wien, wo sie oft zu Besuch waren. Was ist Ihr Eindruck von der Stadt, können Sie eine Gemeinsamkeit der drei Orte ausmachen?

Abel Ferrara: Das ist unmöglich, jede dieser Städte ist so anders. Es war glaube ich 1973, als ich das erste Mal nach Wien kam, noch als Student. Ich erinnere mich, wie ich hier beeindruckt rumgelaufen bin, weil alles so anders war. Europäisch eben, die Gebäude sind wunderschön, aber New York City ist wahrscheinlich auch die europäischste Stadt der USA. Wenn man aber nicht in einer Stadt lebt, hat man nur solche Erfahrungen wie ich 1973, als ich einfach die Straßen abgegangen bin. Dann kennt man vielleicht noch die Musik oder die Geschichte des Ortes.

Später kam ich wieder, weil sie meine Filme gezeigt haben und das war eine coole Sache. Über Carl Jung will ich aber nicht reden, denn wir haben ja gerade den neuen Film „Siberia“ gedreht.  Es gibt da etwas zwischen dem Script zu „Siberia“ und den Arbeiten von Carl Jung, was wir jetzt nicht diskutieren können. Aber die ganze Freud-Geschichte spielt eben auch eine große Rolle in Filmen. Es ist einfach die Geschichte der Stadt, wie bei Rom, beziehungsweise ist Wien ein Gegen-Rom, die beiden haben sich ja ständig miteinander gemessen.

Film plus Kritik: Würden Sie sagen, Wien besitzt dasselbe cineastische Potential?

Abel Ferrara: Wenn man es kennt und hier lebt, sag ich: ganz bestimmt. Was sind denn die besten Filme, die hier gemacht wurden?

Film plus Kritik: Nun, da wäre einmal „Der Dritte Mann“…

Abel Ferrara: Ach ja, richtig. Was gibt’s noch?

Film plus Kritik: Es gibt einen wunderbaren italienischen Giallo, der in Wien spielt.

Abel Ferrara: Ach wirklich?

Film plus Kritik: Ja, „Der Killer von Wien“ von Sergio Martino, den könnten wir empfehlen…

Abel Ferrara: Schick mir den Link!

Paul Kunz und Daniel Krunz trafen Abel Ferrara in Wien zum Interview (c) filmpluskritik

Film plus Kritik: Sehr gerne. Kehren wir aber nach Rom zurück und zu Ihrem aktuellen Film „Tommaso“, der ebendort spielt. In der Hauptrolle können wir Willem Defoe als New Yorker Filmemacher bei einer überwältigenden Leistung bewundern, daneben aber auch Ihre Partnerin Cristina Chiriac und Ihre gemeinsame Tochter als dessen Familie. Wie viel von der Persönlichkeit Ihres Freundes Willem Dafoe ist in die Rolle eingeflossen?

Abel Ferrara: 120 Prozent. Willem gibt alles. Die Sache ist, irgendwo fängt man an und das ist nicht der Film, beim Film hört man auf. Wenn man also einen Startpunkt hat, kann es pure Fantasie sein, oder etwas in der Art von „Pasolini“, was ein sehr spezieller Fall war, denn wir kannten ja die Fakten und wollten denen so treu wie möglich bleiben. Wir drehten an Originalschauplätzen, Willem trug Pasolinis Kleidung und wir hatten Schauspieler dabei, die mit ihm befreundet waren. Das ist aber eben nur der Anfangspunkt und die Magie des Kinos ist doch, wo man am Ende landet. Du hast all diese Kräfte, die Leute, die Ereignisse und die Absicht, wie es sich auflösen soll. Dann der Prozess vom Schreiben, Proben, Drehen, Schneiden, Umschneiden, Vertonen und am Ende hat man einen Film, sei es nun eine Dokumentation, Pseudo-Dokumentation oder was auch immer man beabsichtigte.

Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie der Film am Ende aussehen könnte, denn das spielt keine Rolle. Ich fokussiere mich nur von Moment zu Moment darauf, was ich selbst zu tun habe, um den Film zu machen. Also in diesem Fall gibt es schon offensichtlich spezielle Ausgangslagen, wir drehten in unserem eigenen Haus, haben die Kinder dabei, die Nachbarn und bla, bla, bla. Aber wenn ich den Film sehe, sehe ich nicht mich selbst. Es gibt da schon Ähnlichkeiten, aber Willem und ich sind eigentlich ganz unterschiedlich.

Film plus Kritik: Ein anderer Schauspieler, mit dem Sie häufig zusammengearbeitet haben, ist Harvey Keitel, vielleicht am markantesten in „Bad Lieutenant“. Dort sticht eine Szene besonders heraus, in der Keitels Figur sich komplett zudröhnt und nackt einen Gefühlszusammenbruch erleidet. Ist das ein tatsächlich zugedröhnter Harvey Keitel, der wahnsinnig wird und wie lange hat es gedauert, diesen Moment einzufangen?

Abel Ferrara: So lang es eben braucht, er war auch überhaupt nicht high. Er hatte einen Schauspielcoach dabei, Peggy Allen, sie kam von der Schule von Brando und Pacino, war auch mit Pacinos Lehrer Charly zusammen. Er bereitet sich eben auf die Szenen vor, sie machen Übungen und so weiter…

Film plus Kritik: Es ist nur, weil es so fordernd aussieht, was er da tut…

Abel Ferrara: Das ist halt sein Ding. Ich meine, das tun Schauspieler doch. Wenn sie es nicht tun, sind sie auch keine Schauspieler.

Film plus Kritik: Finden Sie es gibt heute viele, die sich „Schauspieler“ nennen, man sie aber nicht so bezeichnen dürfte?

Abel Ferrara: Ich urteile über niemanden. Ich bin auch noch immer dabei, herauszufinden, was ein Schauspieler ist oder nicht ist. Im Grunde richtet man die Kamera auf jemanden und die Person ist dann Schauspieler. Ist ein Schauspieler ein Schauspieler, wenn keine Kamera auf ihn zeigt und er nicht auf der Bühne steht?

Ferrara bei der Premiere von „Tommaso“ am 27.10. in Wien (c) filmpluskritik

Film plus Kritik: Es herrscht ja auch seit Kurzem die Debatte, was Kino ist und was nicht. Heute ist der Superheldenfilm das populärste Mainstream Genre und Martin Scorsese und Francis Ford Coppola meinten, für sie wäre das nicht Kino. Haben Sie vielleicht eine Meinung dazu? Sie haben ja immer wieder populäre narrative Formen angewendet.

Abel Ferrara: Genre-Zeug … Ich meine, ist „Joker“ nicht ein Superheldenfilm? Der ist doch ein Marvel-Charakter (Anm.: Der Joker ist tatsächlich ein DC-Charakter) … der mit …

Film plus Kritik: Joaquin Phoenix?

Abel Ferrara: Ja. Habt ihr den gesehen?

Film plus Kritik: Ja.

Abel Ferrara: Und wie hat er euch gefallen?

Film plus Kritik: Sehr gut.

Abel Ferrara: Na eben. Gibt’s ein Problem damit?

Film plus Kritik: Nun, Scorsese und Coppola haben sich zu dem Thema geäußert…

Abel Ferrara: Die Typen sind klüger als ich. Ich selber urteile nicht über Filme und denke, man müsste sie wahrscheinlich jeden für sich betrachten. Aber Martin schaut ja auch eine Menge Filme, also hat er die womöglich alle gesehen. Es ist nicht ganz mein Ding, aber ich bin der letzte Typ, der sagen sollte, was Kino ist und was nicht. (lacht)

Film plus Kritik: Neben religiösem Symbolismus ist eines der wiederkehrenden Themen in Ihren Filmen das, was man als „Die Gefahren des Frauseins“ betiteln könnte. Betrachten Sie das als leider zeitloses Thema oder waren ihre Darstellungen von sexualisierter Gewalt gegen Frauen auch Reaktionen auf einen Zeitgeist?

Abel Ferrara: Es ist ganz offensichtlich zeitlos. Es ist Freud. Es sind Urinstinkte und wenn man gegen die ankämpft, kriegt man Neurosen. Also kann man Filme über Urinstinkte und Neurosen machen, beides gleichzeitig. (lacht) Man sagt ja, das Gefährlichste für eine Frau ist ein Mann.

Film plus Kritik: Aber denken Sie, die öffentliche Wahrnehmung von Gewalt gegen Frauen hat Ihre Sicht auf das Thema und Ihre Art, Filme zu machen, beeinflusst?

Abel Ferrara: Ich lebe in einer Welt, verstehst du, was ich meine? Ich gehe auf die Straße, höre, fühle, bin unter Menschen, bin im Internet, lese Sachen. Ich bin genau wie jeder andere betroffen von dem, was abgeht. Ich bin am Leben und das nicht in irgendeinem Elfenbeinturm. Aber ich bin auch schon eine ganze Weile am Leben und habe einiges miterlebt, wie etwa die feministische Revolution Anfang der 70er. Das war eine starke Sache und hat mich wirklich verändert, damals war ich ja noch ein junger Student. Ich hab mich immer gefragt, wo das alles hin ist, besonders in Zeiten, als man es am dringendsten gebraucht hätte. Ich hab drei Töchter, ich sehe das alles. Nicht cool. Es ist hart, eine Frau zu sein.

Abel Ferrara mit Partnerin & Tochter (links) & Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (c) Viennale/Alexander Tuma

Film plus Kritik: Jetzt haben wir über die Gegenwart und die Vergangenheit gesprochen, blicken wir vielleicht in die Zukunft. In „Tommaso“ arbeitet die Titelfigur an einem Drehbuch, das gleichzeitig das Drehbuch zu Ihrem nächsten Film, „Siberia“ ist. Wie verhält sich Ihr nächstes Projekt zu Ihrem Werk, abseits dieser offensichtlichen Verbindung?

Abel Ferrara: Wir sprechen hier von Träumen und Erinnerungen, darum geht es im Grunde in „Pasolini“. Was ist los mit diesem Typen, was ist seine Vergangenheit, was ist real? Ich bin Buddhist und der Mensch verbringt ein Drittel seines Lebens mit Träumen. Wie die Buddhisten sagen: Du wachst auf und deine Träume wirken realer, als die Welt, in der du lebst, weil sie es vielleicht auch sind. Das Kino ist denke ich, ein ganz gutes Mittel, um das auszudrücken, aber wie gehst du es an? Wie stellt man die Wirklichkeit dar, wie die Fantasiewelt, wie das Eigenleben der Erinnerung, wie die Welt der Träume?

Das sind alles sehr verschiedene Dinge. Darum geht es unter anderem in „Siberia“, aber auch um das Verlassen der Komfortzone. Es ist wie ein Roadmovie in einem Jack London – Setting, Hundeschlitten, die über die Alpen fahren. Wir haben viel im Studio in München gedreht, auch Sachen, die wir sonst vor Ort gemacht hätten, aber wir wollten normale Orte surreal erscheinen lassen. Wir waren auch in der Wüste von Mexiko, es ist echt ein verrückter Film.

Film plus Kritik: Wir freuen uns schon auf den Film. Vielen Dank, Mr. Ferrara, Sie haben uns großartige Einsichten gewährt.

Abel Ferrara: Das hoffe ich, aber ich glaube, ihr Typen habt mehr Einsicht als ich.

Film plus Kritik: Das bezweifeln wir.

Titelbild: (c) Viennale / Alexander Tuma

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