Seit 24.10. ist wieder Viennale-Zeit in der Hauptstadt: Direktorin Eva Sangiorgi geht in ihre zweite Saison, ihre erste, „echte“ Viennale, nachdem sie letztes Jahr noch viel Unterstützung vom alten Team bekommen hatte. Das Programm ist heuer besser und (zumindest etwas) breiter, diverse „Kinderkrankheiten“ der ersten Ausgabe sind geblieben: Warum die überall übliche Trennung zwischen Dokumentar- und Spielfilm aufgehoben wurde, verstehen weiterhin die wenigsten, und führt immer noch zu Verwirrung; warum die Festival-Filme auf der Homepage nach Datum anstatt nach Alphabet geordnet sind ist ebensowenig verständlich; und diverse organisatorische Fehler gipfelten im Zusammenbruch des Online-Bezahlsystems, was wiederum dazu führte, dass eine Vielzahl von Kunden ihre bereits bezahlten Karten nicht bekamen, oder doppelt und dreifach bezahlten, was der „neuen Viennale“ promt Klagsdrohungen einbrachte: Allesamt leicht vermeidbare Fehler, die wohl auf Unerfahrenheit zurückzuführen sind.

Programmatisch hat man sich hingegen gesteigert: Die inhaltliche Breite ist gestiegen, wenngleich immer noch eine (zu) starke Schlagseite Richtung lateinamerikanischer Film sichtbar ist (logischerweise begründet in Sangiorgis vorheriger Tätigkeit), während etwa der nord- oder osteuropäische Film vollkommen außen vor gelassen wurde. Wenngleich man einige, filmische Highlights vorweisen kann („Booksmart“, „The Lighthouse“, „JoJo Rabbit“, „Marriage Story“), fehlen andere schmerzlich („Little Women“, „Knives Out“, „Motherless Brooklyn“, „Ford vs. Ferrari“): Ein Fan des US-Kinos mit Mainstream-Appeal scheint man auch nicht zu sein.

Am schmerzhaftesten für Festival-Fans und auch das Wiener Publikum ist die abermalige Abwesenheit von Stargästen: Obwohl der Zugang „film over fame“ und der Fokus auf die gezeigten Werke grundsätzlich nachvollziehbar ist, ist es nicht verständlich, warum man ein großes, traditionsreiches Festival wie die Viennale nicht publikumsfreundlicher ausstattet. Das heißt entweder, dass man einfach keine großen Namen bekommt, was schade wäre, oder, dass man es tatsächlich für unnötig hält, sich darum zu bemühen, was schwer bedenklich wäre. Mit Abel Ferrara konnte man heuer zumindest so etwas wie einen „kleinen“ Stargast vorweisen, für die nächsten Jahre kann man auf Besserung hoffen.

Einige filmische Schlaglichter:

„Tommaso“ von Abel Ferrara

Die US-Regie-Ikone schuf mit „Tommaso“ ein Werk, das nicht nur aufgrund inhaltlicher Aspekte gewisse Parallelen zum Leben des Machers nahelegt: Der Film handelt vom titelgebenden (Anti-)Helden (überzeugend gespielt von Willem Dafoe), einem in die Jahre gekommenen US-Regisseur, der in seiner Wohnung in Rom an einem neuen Film arbeitet, und nebenbei versucht, eine konstruktive Beziehung mit seiner um viele Jahre jüngeren Partnerin und dem gemeinsamen Kind zu leben; zufällig wurde „Tommaso“ in Ferraras Wohnung in Rom gedreht, die Partnerin des Protagonisten von Ferraras echter Partnerin gespielt und die kleine Tochter von der Tochter der beiden. Wer jetzt noch nicht genug Parallelen erkennt, findet unzählige weitere im Film.

Ferrara selbst bestätigte im Gespräch den autobiografischen Touch nicht explizit, verneinte ihn aber auch nicht. Abgesehen davon ist „Tommaso“ ein wunderschöner Film geworden, der von seiner distanzlosen Stille lebt, von gelungenen, nahezu poetischen Einstellungen und einigen schauspielerischen Meisterstücken von Willem Dafoe. Einzig das Ende – wiewohl so intendiert – schafft eher Verwirrung als Klarheit, und kann als einziges Manko betrachtet werden.

Rating: 84/100

„Tommaso“ (c) Viennale

„Booksmart“ von Olivia Wilde

„Die filmische Überraschung des Jahres?“ titelten wir kürzlich zu der Kritik von Cliff Brockerhoff – ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich man Filme sehen kann. Denn überraschend war an „Booksmart“ aus Sicht des Autors dieser Zeilen wenig bis nichts, vielmehr ist der Film eine zwar nette, aber äußerst vorhersehbare und ziemlich amerikanische (was in diesem Fall nicht als Kompliment gemeint ist) Komödie geworden, die an der Eindimensionalität ihrer Figuren krankt. Natürlich spricht nichts dagegen, eine Highschool-Komödie zur Abwechslung mal aus der Sicht von jungen Frauen zu erzählen – doch das allein reicht nicht als Gütekriterium. Vor allem dann nicht, wenn der hier an allen Ecken und Enden propagierte Feminismus die Protagonistinnen eher ihrer Individualität beraubt und ihnen neue Zwänge auferlegt, als sie von solchen zu befreien.

Rating: 58/100

„Wet Season“ von Anthony Chen

Als „Slowburner“ wird dieser Film im Programm der Viennale angekündigt, und das ist eine sehr passende Beschreibung: „Wet Season“ ist das Gegenteil des gehetzten, effektvollen und reizüberflutenden amerikanischen Blockbuster-Kinos und ein weiteres Beispiel dafür, dass sich ostasiatische Filmemacher (wie zuletzt auch gesehen in „Parasite“) langsam anschicken, das kreative Monopol von ihren US-Kollegen an sich zu ziehen.

„Wet Season“ handelt von einer Highschool-Lehrerin, die aufgrund ihrer in die Brüche gehenden Ehe eine Affäre mit einem Schüler beginnt: Der schenkt ihr die Aufmerksamkeit, die sie von ihrem stets bis spätnachts arbeitenden Ehemann schon lange nicht mehr bekommt – und schließlich auch ein Kind, das aus einem einmaligen Geschlechtsverkehr entsteht. Ohne große Gesten, aber mit vielen, kleinen, intimen Momenten, die die Licht- und Schattenseiten des Lebens hervorragend einfangen. Eine kleine, filmische Perle.

Rating: 79/100

von Christian Klosz

Titelbild: (c) Viennale / Robert Newald