von Elli Leeb

Michael Hanekes österreichischer Metathriller „Funny Games“ fungiert als offenkundige Kritik an zu leicht konsumierbarer Gewalt in Unterhaltungsmedien und versucht, einen selbstreflexiven Gegenentwurf zur omnipräsenten Gewalt des Fernsehens und des Mainstream-Kinos zu entwerfen. Erstmals im Mai 1997 auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes gezeigt, polarisiert der Spielfilm damals wie heute Publikum und Kritiker/innen. Er behandelt ein Thema, das auch mehr als 20 Jahre später aufgrund der emotionalen Abstumpfung gegenüber medialer Gewalt von höchster Aktualität ist.

Bereits zu Beginn des Films macht Regisseur Haneke kein Geheimnis daraus, dass die geplante Urlaubsidylle der gutbürgerlichen Familie nicht so kommen wird wie geplant: Die dreiköpfige Familie – bestehend aus Mutter Anna (Susanne Lothar), Vater Georg (Ulrich Mühe) und Sohn Schorschi (Stefan Clapzynski) – wird bei ihrer Autofahrt Richtung Ferienhaus sowohl aus der Vogelperspektive, als auch in extremen Close-Ups gefilmt. Aus dem Autoradio ertönt klassische Musik á la Händel und Tibaldi, doch die Tonebene wechselt während der Einblendung des Titelschriftzugs in nicht-diegetische, aggressive Heavy Metal-Musik um, die als Vorbote für spätere Ereignisse fungiert.

Schon einige Filmminuten später fragt einer der beiden – wie sich wenig später herausstellt – Eindringlingen nach Eiern, da die der Familie bekannten Nachbarsfrau sie zum Kochen bräuchte. Er lässt sie „aus Versehen“ noch im Haus der Familie fallen und somit haben die „lustigen Spielchen“, die sich im Laufe des Films häufen werden, begonnen. Die beiden sadistisch veranlagten Eindringlinge Peter (Frank Giering) und Paul (Arno Frisch), die laut eigener Aussage auch jeden anderen Namen haben könnten, da dieser ja unwichtig für das Fortschreiten der Handlung wäre, nehmen die Familiemitglieder in ihrem Ferienhaus als Geiseln und verkünden ihnen einen Wette, in der es darum geht, dass binnen 24 Stunden kein Familienmitglied mehr leben würde. Beide Jungmänner haben nach außen hin ein vornehmes Erscheinungsbild und sind komplett in der Unschuldsfarbe Weiß gekleidet, wodurch der Kontrast zur Situation nochmals verdeutlicht wird.

„Funny Games“ lebt davon, Illusionen zu durchbrechen sowie Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Die Figuren Peter und Paul unterbrechen die vorerst linear wirkende Handlung oftmals mithilfe direkter Ansprachen an die Zuschauer/innen und durchbrechen so oftmals die vierte Wand. Entscheidend ist, dass nur die beiden Geiselnehmer sich darüber im Klaren sind, was hier wirklich gespielt wird. Direkt in die Kamera gerichtete Sätze wie „Ist es wirklich schon genug? Wir sind doch noch unter Spielfilmlänge“ oder auch „Sie wollen doch ein richtiges Ende mit plausibler Entwicklung, oder?“ zeigen auf, dass die mimetische Wirklichkeit im Film nicht real ist, und dass die Realität quasi „dahinter“ liegt.

Dabei zeigt Michael Haneke Gewalt in überaus schonungsloser, lakonischer Form, um deren Omnipräsenz in den Medien aufzuzeigen und in weiterer Folge auf deren Nicht-Konsumierbarkeit hinzuweisen. Haneke folgt gängigen Handlungsmustern des Thriller-Genres so weit, bis er am entscheidenden Punkt Konventionen aufbricht und so Identifikationsprozesse bewusst werden lässt. Da solche Handlungsmuster und Konventionen oftmals im Hollywood-Mainstreamkino angewendet werden, war es erstmals überraschend, dass zehn Jahre später, im Jahre 2007, das US-amerikanische Remake „Funny Games U.S.“ folgte. Haneke drehte das Remake mit überaus genauer Exaktheit nach dem Vorbild seines Originals, der Unterschied scheint hier vordergründig in dem höheren Budget und dem Mitwirken namhafter Hollywoodschauspieler/innen wie Naomi Watts („Mulholland Drive“, „King Kong“) zu liegen. Nichtsdestotrotz ist das Original aufgrund seiner weniger stilisierten Grausamkeit und aufgrund seiner greifbareren Figuren dem Remake überlegen.

Fazit

„Funny Games“ bietet 104 Minuten lang ein ungewöhnliches Thrillererlebnis, in dem Regisseur Michael Haneke nicht nur Gewaltdarstellungen in Populärmedien hinterfragt, sondern auch Werte der Populärkultur, des Voyeurismus und der Schuldzuschreibung im Allgemeinen hinterfragt. So ist der Film auch mehr als 20 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch eine sehenswerte und kreative Auseinandersetzung mit jenen Themen.

„Funny Games“ ist derzeit bei Maxdome und auf Amazon Prime im Abo zu sehen.

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Elli Leeb präsentiert, zumindest solange die Kinos geschlossen haben, immer Sonntags „Klassiker des österreichischen Films“. Damit möchten wir der österreichischen Filmwirtschaft und dem österreichischen Film allgemein den Respekt zollen, den es derzeit vonseiten der Politik nur in unzureichendem Ausmaß gibt. Sofern die Filme auf österreichischen Streaming-Anbietern (z.B. Kino VOD Club) verfügbar sind, kann der Erwerb auch eine kleine Unterstützung für die österreichischen Verleiher und Programmkinos sein. Die weiteren, bereits vorgestellten Film-Klassiker lassen sich HIER nachlesen.

Titelbild: (c) WEGA-Film