Nicht nur der zweite Weltkrieg an sich, sondern auch der österreichische Film „Der Bockerer“, der sich filmisch mit dem Thema auseinandersetzt, ist mittlerweile in Österreichs Geschichte fix verankert. Der erstmalig im Jahre 1981 erschienene Film, der auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Ulrich Becher und Peter Preses basiert, wurde vom bis zum damaligen Zeitpunkt lediglich für seine seichte Fernsehkost bekannten Regisseur Franz Antel gedreht. Auch wenn die drei nachfolgenden Teile des Bockerers, die unter der Regie desselbigen Regisseurs entstanden sind, qualitativ zwar nicht an den ersten Teil anschließen können, hat sich die „Bockerer-Reihe“ als fixer Bestandteil des österreichischen Films etabliert und Kultstatus erlangt

von Elli Leeb

Das Leben des Metzgermeisters Karl Bockerer (Karl Merkatz) wird von seine beruflichen Tätigkeit in seinem Fleischerladen in der Wiener Vorstadt, dem Pflegen seiner Bekanntschaften sowie dem wöchentlichen Tarock-Kartenspiel in kleiner Runde dominiert. Dabei besteht seine größte Freude darin, seinem Freund Herrn Dr. Rosenblatt (Heinz Marecek) zu entgegnen „Ihr Blatt, Herr Rosenblatt!“. Doch mit dem Einzug der deutschen Truppen und dem damit einhergehenden Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich soll das plötzlich aufgrund der Nürnberger Rassengesetze nicht mehr möglich sein. Dr. Rosenblatt ist jüdischer Abstammung und alle in seinem Umfeld sind der Meinung, dass er aufgrund seiner Religion nun unerwünscht ist.

Das besondere am „Bockerer“ ist, dass er nicht als klarer Gegner des diktatorischen Nazi-Regimes dargestellt wird, sondern als jemand, der sich durch seine gutmütige Menschlichkeit auszeichnet, die er sich nicht nehmen lässt. Karl Bockerer ist gänzlich unpolitisch, oftmals naiv, aber bodenständig und vor allem liebenswert. Diesen ehrlichen Familienmenschen kann man trotz, oder vielleicht auch gerade aufgrund seines klischeehaften Wiener Grants, gar nicht nicht mögen. Umso schwieriger mitanzusehen ist da, dass sein Sohn Hansi (Georg Schuchter) schon längst die braune Uniform übergeworfen hat und seine Ehefrau „Binerl“ (Ida Krottendorf) eine große Verfechterin der Aufmärsche ist.

Antel spannt den Bogen zwischen berührender Ernsthaftigkeit und amüsanter Situationskomik genau richtig. So hat Karl Bockerer ironischerweise am selben Tag wie Adolf Hitler Geburtstag, jedoch vergisst selbst seine eigene Familie seinen großen Tag und feiert stattdessen nur den des großen Führers. Und auch die Doppeldeutigkeit, als man zuerst annimmt den wahren Führer vor der Kameralinse zu haben, sich allerdings bald herausstellt, dass es sich dabei um einen Entlaufenen aus der Irrenanstalt handelt, ist amüsant iszeniert. „A Verrückta, d’Leit werdn imma narrischer“, wie so passend gesagt wird.

Schön ist auch, dass Antel den Film mit historischem Originalmaterial beginnt und auch im Verlauf des Films originale Aufnahmen der „Deutschen Wochenschau“ zu Hand zieht. Dadurch wird den Bildern zusätzlich ein Hauch von Authentizität verliehen. Zum Schluss des Films und am Ende des Krieges, wenn alle wieder beisammen bei ihrem Kartenspiel sitzen, wird bewiesen, dass der Antisemitismus nur relativ und situationsbedingt war und keine Grundlage hat. Und so kann Karl Bockerer auch endlich wieder „Ihr Blatt, Herr Rosenblatt!“ sagen.

Fazit

Dem eigentlich aus dem Heimatfilm kommenden Regisseur Franz Antel gelang mit dem ersten Teil der Bockerer-Filmreihe eine interessante Auseinandersetzung mit und ein filmisches Porträt von einem unpolitischen Ahnungslosen im zweiten Weltkrieg, die mittlerweile Teil des österreichischen Kulturguts ist. 104 Minuten lang überzeugt ein überaus glaubwürdiger Karl Merkatz in der Rolle des Karl Bockerer, der für seine Leistung auch den Deutschen Filmpreis erhielt. Stets trägt der gutmütige Wiener Durchschnittsbürger sein Herz auf der Zunge und gibt Sätze wie „Mein Kampf hat er gesagt, aber hinhalten haben wir unseren Schädel müssen“ von sich, die auf immer in Erinnerung bleiben.

„Der Bockerer“ ist derzeit u.a. auf Flimmit zu sehen. (Abo)

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Elli Leeb präsentiert immer Sonntags „Klassiker des österreichischen Films“. Damit möchten wir der österreichischen Filmwirtschaft und dem österreichischen Film allgemein den Respekt zollen. Sofern die Filme auf österreichischen Streaming-Anbietern (z.B. Kino VOD Club) verfügbar sind, kann der Erwerb auch eine kleine Unterstützung für die österreichischen Verleiher und Programmkinos sein. Die weiteren, bereits vorgestellten Film-Klassiker lassen sich HIER nachlesen.