„Violence as a way of achieving racial justice is both impractical and immoral. It is impractical because it is a descending spiral ending in destruction for all. The old law of an eye for an eye leaves everybody blind. It is immoral because it seeks to humiliate the opponent rather than win his understanding; it seeks to annihilate rather than to convert. Violence is immoral because it thrives on hatred rather than love. It destroys community and makes brotherhood impossible. It leaves society in monologue rather than dialogue. Violence ends by destroying itself. It creates bitterness in the survivors and brutality in the destroyers.“

Dieses Zitat von Martin Luther King ist eines von zweien, die Spike Lee seinem opus magnum „Do The Right Thing“ als Epilog hintanstellt. Wenn man diese Zeilen des großen, afroamerikanischen Bürgerrechtlers liest, kommt man wohl schnell zum Schluss, dass dies „the right thing to do“ wäre. Doch so einfach macht es Lee sich und seinen Zuschauern nicht.

von Christian Klosz

Dass „Do The Right Thing“ geradezu erschreckend aktuell ist, wird einem spätestens nach 2/3 des Films bewusst. „I want people to feel horror“ sagte Lee einst über seinen Film, der keine Message und keine Lösung anbietet, der Fragen aufwirft, und keine Antworten gibt. Er zeichnet eine US-neighborhood in New York, deren erhitzte Stimmung nicht nur auf die brütende Schwüle der Sommermonate zurückzuführen ist. Mookie, gespielt von Lee selbst, arbeitet als Pizzalieferant in Sal’s Pizzeria. Sal (Danny Aiello) ist Italo-Amerikaner und wohnt seit jeher in dieser Gegend, die immer „schwärzer“ wird, wie sein latent rassistischer Sohn Pino (John Turturro) mehrfach anmerkt. Der fühlt sich „fremd im eigenen Viertel“ und würde Sal’s Pizzeria lieber woanders hin verlegen, doch Sal ist stolz auf seine Arbeit hier und hat kein Problem mit der großteils schwarzen Kundschaft.

Auch auf der „anderen“ Seite gibt es unterschiedliche Sichtweisen: Während die einen gern und regelmäßig zu Sal’s gehen, würden andere (vor allem „Buggin Out“ und „Radio Raheem“, immer auf Konfrontation aus) die Italo-Amerikaner lieber aus dem Viertel verschwinden sehen und rufen zum Boykott des Ladens auf. Als Raheem – stets mit ohrenbetäubendem Ghettoblaster ausgestattet – Sal’s nach der offiziellen Sperrstunde betritt, eskaliert die Lage: Sal zertrümmert Raheems Radio, worauf der Sal attackiert und ihn würgt. Es kommt zum Tumult, der sich auf die Straße verlagert, erst die Polizei kann Sal von Raheem befreien – allerdings wird dann Raheem selbst von einem Polizisten so lange gewürgt, bis er zu Boden geht – und stirbt (die Aktualität ist wirklich erschreckend). Danach richtet sich die Wut der schwarzen Bürger des Viertels gegen Sal’s Laden, der zerstört und abgebrannt wird, und auch Mookie, der sich bisher meist aus den Streiterein rausgehalten hatte, greift ein, während Sal nur tatenlos vom Straßenrand zusehen kann.

„Do the wrong thing“ – Gesellschaft als Kampf

Das Interessante, Ungewöhnliche und so Verstörende ist, dass Lee keine Erklärung anbietet, keinen Ausweg aus der „Spirale der Gewalt“ aufzeigt, die er entwirft und an der alle irgendwie beteiligt sind. In einer der wichtigsten Szenen des Films lässt er diverse Charaktere rassistische Vorurteile über eine jeweils andere ethnische Gruppe entäußern: Schwarze schimpfen über Weiße schimpfen über Latinos schimpfen über Asiaten schimpfen über Italo-Amerikaner, und vice versa (wobei die Darstellung des Koreaners Sonny tatsächlich ziemlich rassistisch ist, und so heute nicht mehr möglich wäre). Was uns Lee damit sagen will? Vermutlich, dass es Ressentiments auf allen Seiten gibt, die eine friedliche Ko-Existenz erschweren. Was „Do the right thing“ aber so außergewöhnlich und schwer verdaulich macht, ist, dass Lee eben jegliche Antwort verweigert, jeglichen Hinweis darauf, was denn nun wirklich „the right thing to do“ wäre. Die oft in solchen „Problemfilmen“ geäußerte Message von „multikultureller Vielfalt“, von Kommunikation, von Liebe und Verständnis des „anderen“ als einende Kräfte kommt nicht (damit ist Lee in seinem 1989-er Film selbst viel wütender und radikaler als etwa in den erwachseneren „Blackkklansman“ oder im eben erschienenen „Da 5 Bloods“, der ja ganz offen „Liebe“ als „heilende Kraft“ anpreist und die Sinnlosigkeit von Gewalt und Hass anprangert).

Auch am Ende gibt es keine Versöhnung zwischen Mookie und Sal, sie reden wieder miteinander, ja, aber es gibt keinen Trost, nur ein „Nebeneinanderherleben“, ein „den anderen gerade so akzeptieren“. Schlussendlich ist es aber gerade diese Verweigerung einer „closure“, einer „pädagogischen“ Message, die den Film so kraftvoll und wirkmächtig macht und ihn noch lange im Magen liegen lässt.

„I think there are plenty of good people in America, but there are also plenty of bad people in America and the bad ones are the ones who seem to have all the power and be in these positions to block things that you and I need. Because this is the situation, you and I have to preserve the right to do what is necessary to bring an end to that situation, and it doesn’t mean that I advocate violence, but at the same time I am not against using violence in self-defense. I don’t even call it violence when it’s self- defense, I call it intelligence.“

Das ist das zweite Zitat, diesmal von Malcolm X, das Lee seinem Film nachstellt: Die beiden Kernaussagen könnten unterschiedlicher nicht sein, und dennoch lässt Lee sie unkommentiert nebeneinander stehen; Gesellschaft ist Kampf, Leben ist Gewalt. Und aus.

„Do The Right Thing“ ist noch einmal am 9.7. im Gartenbaukino in Wien zu sehen .