2014 hat das österreichische Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala seinen ersten Spielfilm auf den heimischen und auf den internationalen Kinoleinwänden präsentiert: „Ich seh Ich seh“ ist dem Filmgenre des Horrors zuzuordnen, das zwar grundsätzlich sehr populär, jedoch hierzulande noch verhältnismäßig qualitativ unterrepräsentiert ist. Der im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig uraufgeführte – und unter anderem auch im März 2015 mit dem Großen Diagonale-Preis ausgezeichnete – rätselhafte, kunstvolle und distanziert stilisierte Film darf trotz seines jungen Jahrgangs durchaus schon als Österreichfilm-Klassiker bezeichnet werden.

von Elli Leeb

Das altbekannte Kinderschlaflied „Guten Abend, Gute Nacht“ kennt doch fast jede oder jeder noch aus frühen Kindheitsjahren. Und auch, wenn schlafen gehen als Kind an sich sowieso schon sehr negativ behaftet ist, hat gerades dieses Einschlaflied noch einen viel negativeren Beigeschmack, wenn man genau hinhört: So heißt es zum Schluss: „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“. Genau mit jenem Text wird das Publikum bereits gekonnt in die Grundstimmung des Films eingeführt. Die Mama (Susanne Wuest) kommt nach einem Unfall mit gänzlich einbandagiertem Kopf zurück in das Haus, in dem ihre beiden Söhne Lukas (Lukas Schwarz) und Elias (Elias Schwarz) auf sie warten. Was genau vorgefallen ist, erfahren die Zuseherinnen und Zuseher nicht, denn der Film setzt genau nach der Rückkunft aus dem Krankenhaus ein. So ganz vertrauen die beiden Söhne ihrer Mutter allerdings nicht. Diese bekocht und versorgt auch nur den einen Sohn, allerdings ohne, dass wir über den Grund Informationen erhalten würden. Sätze wie „Das ist nicht die Mama“ oder „Beweis‘, dass du die Mama bist“ fallen immer wieder.

Ich seh, ich seh, was du nicht siehst: Der Titel des Films lässt schon erahnen, dass das Regie-Duo hier mit der Wahrnehmung des Publikums spielen will und auf Suspense setzt. Ist es nun die Mama der beiden Jungs? Oder wurde diese doch von ihrer guten Freundin ersetzt? Oder liegt das Mysterium doch in etwas ganz anderem begründet?

„Ich seh ich seh“ vereint gekonnt die vielen Vorteile der einzelnen Subgenres und wechselt so zwischen Mindgame-Movie, Psychothriller und Haunted-House, auch wenn jenes zwar wunderschön, aber dennoch sehr steril gestaltet ist. Mitten im nirgendwo stehend geht von dem Haus dennoch eine Bedrohung aus. Auch die Figuren bleiben stets unnahbar und machen mehr einen funktionalen Eindruck, wodurch sich die Ungewissheit, wem man nun seinen Glauben schenken kann, noch um ein Stück verstärkt. Bis zum Schluss des Films ist besondere Aufmerksamkeit gefragt: Der finale Plot-Twist ist fabelhaft inszeniert und unvergleichlich eindrucksvoll.

Fazit

100 Filmminuten lang seziert das österreichische Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala auf unterkühlte, hochästhetische Weise die Mechanismen eines Vertrauensverlustes. Bis zum Ende wird ein spannendes Horrorfilmrätsel aufgebaut, welches wirkungsvoll und emotional ergreifend aufgelöst wird: Bereits jetzt ein Klassiker.

***

Elli Leeb präsentiert immer Sonntags „Klassiker des österreichischen Films“. Damit möchten wir der österreichischen Filmwirtschaft und dem österreichischen Film allgemein Respekt zollen. Sofern die Filme auf österreichischen Streaming-Anbietern (z.B. Kino VOD Club) verfügbar sind, kann der Erwerb auch eine kleine Unterstützung für die österreichischen Verleiher und Programmkinos sein. Die weiteren, bereits vorgestellten Film-Klassiker lassen sich HIER nachlesen.

Bilder: © Stadtkino Filmverleih